Bewertungen 2019

Weinfreunde und weinfanatic geniessen immer wieder einen guten Tropfen. Hier finden sich die dazugehörigen Notizen.



«IST DAS PINOT? ÄÄÄH…»

Roagna, Rosso, 2013

 

Weinverkostung: 19. Januar 2019

Herkunft: Italien, Piemont

 

N: Rosen, Hagenbutten, Teer

G: Schwarztee, Kirschen, Leder

WF: 9.0|10.0 [wunderbar pinotesque]

 

Preis: CHF 32.50 | € 28.50

Bezugsquelle: Cultivino CH | Lobenberg DE

Roagna, Langhe Rosso, 2013
Roagna, Langhe Rosso, 2013

Kommentar: Diese Frage kann bei Roagna’s Rosso durchaus berechtigt sein. Generell und vor allem an Blinverkostungen laut ausgesprochen, kann sie zudem für ziemlich viel Verwirrung am Tisch sorgen. Plötzlich werden in solchen Momenten alle sichtlich nervös. Der Zweifel fängt reihum an den erstgefällten Urteilen zu nagen. Toll. Wein und gute sowie neugierige Weinfreunde machen demütig.

 

Andererseits: Weine, die [vermeintlich] verschleiern oder vorgeben etwas Anderes zu sein – als sie in Wirklichkeit sind  können auch «schwierig» sein. Produziert ein Winzer einen Tropfen, der weder für’s Terroir, die Tradition oder die Traube [die drei magischen «T»] steht, kann dieser 

natürlich sehr gut sein. Ist es aber eben oft nicht. Allerdings, wenn ein Wein aus der Traubensorte Nebbiolo für einen Pinot Noir gehalten wird [oder umgekehr], sollte man gut zuhören. Denn, dass ist oft ein «Volltreffer»!

 

Roagna ist ein Produzent, der im schönen und von Gaja dominierten Städtchen Barbaresco zu Hause ist. Vermutlich liegt es daran, dass man – geblendet von solch schillernden Produzenten – einen vermeintlich «kleinen» Namen, nicht wahrnimmt. Im Nachhinein gesehen, ist dies fast ein unverzeihlicher Fehler, der mir in den bisherigen Reisen ins Epizentrum des feinen Nebbiolos unterlaufen ist. Dies wird mir nicht mehr passieren.

 

Roagna bearbeitet etwa ein Dutzend Hektaren vor allem in Barbaresco und etwas in Barolo. Die Trauben für den Langhe Rosso kommen aus den beiden Lagen «Pajé» in Barbaresco und «Pira» bei Castiglione Fellatto. Dabei werden aus diesen fantastischen Weinbergen Trauben von vornehmlich jungen Reben [< 25 Jahre] für diesen Tropfen verwendet.

 

Schön ist beim Roagna Rosso die eigene und für Barbaresco typische «innere» Ruhe und Stille. In der Nase ist er ungemein teeig und kühl. Zuerst noch eine Spur «rötlich» und mit der Zeit im Glas immer dunkler. Der Duft ist einnehmend und eine schöne Komposition aus Rosen, Schwarztee und Teer. Da ist bereits viel Komplexität vorhanden. Am Gaumen merkt man, dass der Jahrgang 2013 noch etwas Zeit braucht, um seine ganze Pracht zu entfalten. Das Tannin ist präsent, jedoch schön poliert und angenehm. Die tolle Säurestruktur hält es gut in Zaum und sorgt für ein frisches, knackiges und überaus leichtes Mundgefühl. Die erwähnte Balance der Elemente lässt den Wein vibrieren und verleiht ihm eine tolle Spannung sowie Biss.

 

Ein edler, zurückhaltender und anmutiger Wein mit sehr feinem und burgundischem Einschlag. Geniales Preis-/Leistungsverhältnis. Strong buy!



«SUCHTSTOFF»

Volpaia, Chianti Classico Riserva, 2015

 

Weinverkostung: 11. Januar 2019

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Amarenakirschen, Sandelholz, Tomatenblatt

G: Balsamico, Kaffee, Heidelbeeren, Hauch Kokosnuss

WF: 9.5+|10.0 [purer Rausch]

 

Preis: CHF 27.- | € 30.-

Bezugsquelle: Schubi Weine CH, Belvini DE

Volpaia, Chianti Classico Riserva, 2015

Kommentar: Keine Ausnahme. Der Besuch von Volpaia gehört stets zur Reise in die Toskana dazu. Das kleine Einod auf der Spitze eines Hügels sieht man von Radda herkommend thronend majästätisch dastehen. Volpaia ist irgendwie – für mich persönlich – der Inbegriff dieser Region, in deren Herz sich das Chianti Classico befindet. Als sich mein Weg vor über 20 Jahren erstmals dorthin windete, wusste ich instinktiv, dass dies einer der magischen Orte sein wird, der mich die nächsten Lebensjahrzehnte begleiten wird.

 

Der Weiler besteht vielleicht aus etwas mehr als zwei handvoll richtiger Häuser. Dieses jahrhundertealte wehrhafte Ensemble formt das Toskana-Gefühl. Oben angekommen, denkt man erstmals, man sei verloren. Doch erwarten einen auf der wunderschönen Piazza zwei Restaurants, ein Bäcker, ein Hotel sowie eine Enoteca. Ein paar Antipasti, je ein Primi und Secondi sowie eine Flasche Wein später, wird bei jedem auf dem vom Pflastersteinen gesäumten Platz, der Sinn des Lebens gekonnt abgerundet.

 

Beim Wein sollte man sich eine Flasche des Weinguts gönnen, das den Namen des Dörfchens trägt: Castello di Volpaia. Egal ob es ein einfacher Chianti, ein Riserva, Gran Selezione oder der vielgeschmähte Supertoskaner ist. Stets empfand ich bisher die Weine als in etwa das Beste was das Chianti und die Toskana zu bieten haben, um das erwähnte Lebensgefühl noch etwas mehr in die Länge und Breite zu portieren.

Nach dem allgemein eher schwächeren 2014er Jahrgang folgte – wie ich nun im Glas finde – ein sensationeller 2015er. Spezifisch meine ich damit den Chianti Classico Riserva von Volpaia. Doch auch ganz generell geriet der ganannte Sonnenumlauf, als der letzte normale amerikanische Präsident sein 7. Amtsjahr abspuhlte, zu den ausserordentlich guten in der Toskana.

 

Die Trauben für den Riserva wachsen gleich unterhalb des Dorfes. In der Nase ist der Wein beim ersten Schnuppern ungemein edel und fast schon Bonbon-artig geraten. Doch, die Oppulenz ist nur der erste Eindruck, der sich nach Belüftung zusammen mit animalisch-stalligen Noten komplett verzieht. Was danach kommt, ist ein majästätisches Feuerwerk an dunklen und dichten Aromen nach Amarenakirschen, Sandelholz und Tomatenstauden, die in der Sommerhitze angenehm ihr Bukett verströmen.

 

Am Gaumen ballert der Riserva mit samtig gefühlvollen Salven um sich. Alles ist in kuschelweiche Seide eingehüllt. Dies ist bei mir üblicherweise etwas, dass sofort für Langeweile sorgt. Hier aber keinesfalls. Der Volpaia Chianti Classico Riserva 2015 ist ein Freudenstück an önologischer Fülle, Dichte, Rafinesse und Nachhaltigkeit, dass ich ihn wahrlich zu den besten aller Chianti Classico in meinem Leben zähle. Am Gaumen erfreut leicht süsslicher Balsamico, Kaffee, frisch gepflückte wilde Heidelbeeren und ein Hauch von Kokosnuss des Geniessers Herz. Die Struktur ist gleichzeitig kraftvoll und definiert. Mit seinen toll polierten Tanninen und der wunderbaren Säure bewegt er sich gefühlvoll zwischen Fitnesscenter und Balletschule.

 

Man sollte sparsam mit persönlichen Höchstnoten umgehen. Hier wäre das Fahren mit angezogener Handbremse jedoch ein Zeichen von Kleingeistigkeit. Derzeit ist dieser Wein – trotz seiner Jugend – nahe an der Perfektion. Er stolziert gekonnt zwischen messerscharfem und präzisem Sangiovese aus kühleren sowie höheren Gefilden und kräftigen Maremma-Edelmännern. Seine Genusspasshöhe dürfte er frühestens in ein paar Jahren erreichen und dann eine halbe Ewigkeit mit sich rumtragen. Ein wahrer Suchtstoff von grosser Güte.

 

PS: Dass Wine Spectator diesen Wein als Drittbesten des Jahrgangs 2018 einstuft, ist absolut nachvollziehbar. Leider brachte dies den Umstand mit sich, dass der Wein praktisch überall ausverkauft ist. Nachdem ich ihn am «Ende der Welt» doch noch fand, mussten die letzten drei Kisten dran glauben…



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