Bewertungen 2019

Weinfreunde und weinfanatic geniessen immer wieder einen guten Tropfen. Hier finden sich die dazugehörigen Notizen.



«EVA STRIKES BACK»

Eva Fricke, Elements, 2018

 

Weinverkostung: 14. Juni 2019

Herkunft: Deutschland, Rheingau

 

N: Kalk, Grapefruit, Limone

G: Cremig, gelber Apfel, Honigwachs

WF: 9.0|10.0 [eine Sünde wert]

 

Preis: CHF 25.- | € 24.-

Bezugsquelle: Mondovino | Lieblings-Weinladen DE

Elements, Riesling trocken, Eva Fricke, 2016
Elements, Riesling trocken, Eva Fricke, 2016

Kommentar: Den Weinen von Eva Fricke begegnete ich erstmals an einer Verkostung, die in der Schweiz regelmässig von einem grossen Retailer organisiert werden. Quasi unter dem Label «Jung | Frisch | Deutsch | Weiblich» wurden die Weine der Troubleshooterin aus dem Rheingau vor etwa drei Jahren an einem Stand vorgestellt.

 

Frisch aus der Pfalz und mit noch leicht übersäuertem Magen liessen wir damals die Weine links liegen. Wie sich das in der letzten Zeit herausstellte, war das ein grosser Fehler. Denn in den letzten 12 Monaten sieht 

und liest man immer mal wieder von der talentierte jungen Winzerin. Typisch «Millennial» scherte sich Eva beim Start ihres eigenen Weinguts 2006 nullkommanix um langfristige sowie tiefgehende Planung, sondern startete als ausgebildete Önologin einfach mal ihr «Projekt». Mit Erfolg. Die absolute Mehrheit der von ihr produzieren Weine werden mittlerweile auf der ganzen Welt getrunken.

 

Weshalb man aber so wenig von Eva‘s Weinen in den einschlägigen Weinforen und sozialen Medien liest, erschliesst sich einem nicht wirklich. Am trockenen Riesling «Elements» aus dem nun elften Produktionsjahr (2016) kann es auf jeden Fall nicht liegen. Nach dem Öffnen ist dieses Mittelgewicht aus Eva’s Sortiment eher verschlossen und aromatisch sehr kompakt. Doch lässt man dem Wein etwas des Elements Luft zukommen, entwickelt sich daraus ein wahrhaftig grosses Gewächs im Glas.

 

Ganz schön geil ist der Apfel den hier Eva einem reicht. Die Nase ist unglaublich mineralisch. Die Aromatik ist sehr dicht und vielschichtig gewoben. Man vernimmt kalkige und zuweilen karg-steinige Noten. Auf der zweiten Ebene hat es ein wenig sprizige Grapefruit und Limone. Das Ganze wird von einem erdig-steinigem sowie feinmaschigen und strammen Aromengeflecht untermalt. Im Mund ist der Tropfen zuerst leicht cremig und weist beinahe eine weich-ölige Konsistenz auf. Doch am Mittelgaumen packt die Säure richtig zu. Hintenrum kommt gelber Apfel und eine edle und angenehme Bitterkeit auf.

 

Der «Elements» weist eine tolle Länge auf. Im Nachklang rücken etwas Birne und Honig in den Vordergund. Auffällig und speziell – im positiven Sinne - ist beim Tropfen eine Art «Tanninnachklang». Dieser vereinigt sich mit der Säure zu einer Art perfekten «Sturm», sodass man nicht anders kann als schnell wieder zum Apfel… äääh Glas zu greifen.



«KANINCHENSTALL AM VULKAN»

Domaine Gueguen, Chablis, 2017

 

N: Kreide, Basalt, Zündholz

G: Kamille, Zitronenmelisse, Feuerstein

WF: 8.5|10.0 [sehr gelungener Einstieg!]

 

Weinverkostung: 8. Juni 2019

Herkunft: Frankreich, Chablis

 

Bezugsquelle: Riegger CH | Deutschland n.a.

Preis: CHF 22.90 | € ~13

Kommentar: Chablis trinkt man irgendwie viel zu selten. Vermutlich liegt das daran, dass die Weine [in meinen Augen] kein Mainstream und im Grunde genommen auch nicht massenfähig sind. Auf die Aromatik, Säure und Textur muss man sich einstellen und sie zu verstehen versuchen. Das sind - grob gesagt - ‚intellektuelle‘ Weine, die Erklärung und Geschichte bedürfen, damit sich Gelegenheitsgeniesser überhaupt darauf einlassen und sie richtig einordnen können. Ohne dies, landen bei der kritisch-

binären Beurteilung 80%+ wohl auf der ‚nicht lecker‘-Seite.

 

Im Glas funkelt der Basis-Chablis der Domaine Gueguen ziemlich blassgelb, das etwas ins Zitronige geht. Zuerst verhaltene und beinahe verschlossene Aromatik. Mit der Zeit öffnet sich der ‚Nord-Burgunder‘ nach und nach. Eine halbe Stunde genüngte, um die feinen mineralischen und ziemlich reduktiven Noten an die Oberfläche zu spühlen.

 

Das Nasenbild hat etwas von einem Kaninnchenfurz am Vulkan: Basalt, Kreide und Aromen nach Hasenstall. Ja, diese Art von Feurigkeit mag ich. Beim tiefer reinschnuppern, schauen dann doch noch geriebene Zitronenschale und ein wenig Birne ums Eck. Schön.

 

Am Gaumen ist der Chablis erstmal fast schon teeig. Zuerst drückt Kamille und Zitronenmelisse durch. Weich wirkt er die ersten Milisekunden am Gaumen, bevor dann die Säure einen an der Zunge packt und geradezu wunderbar fein ‚massiert‘. Sie ist edel und begleitet den mittellangen Abgang eingehend.

 

Kann sein, dass das eine Zeit- oder auch Alterserscheinung ist: Aber die reduktive Ausbauart ist schon ziemlich geil. Je länger je mehr suche ich diese Präzision und irgendwie sanfte und zugleich schroffe Wesensart bei Weinen.



«MIHA. DER SLOWENISCHE CHÉ GUEVARA»

Batić, Cabernet Franc Selekcija, 2016

 

Weinverkostung: 5. Juni 2019

Herkunft: Slowenien, Vipava-Tal

 

N: Waldbeeren, Sattel, Tannenzapfen

G: Weiches Tannin, Marzipan, Pepperoni

WF: 8.5|10.0 [natürlich schön!]

 

Preis: CHF 27.50 | € 24.90

Bezugsquelle: Terravigna CH | Wagners Weinshop DE

Batic, Cabernet Franc Selekcija, 2016
Batic, Cabernet Franc Selekcija, 2016

Kommentar: Mein erster Wein aus dem kleinen Alpenstaat, der sich seine Geologie grösstenteils mit dem italienischen Friaul, österreichischen Kärnten und kroatischen Istrien teilt. Nicht, dass ich abgeneigt war slowenischen Wein zu trinken. Als grosser Liebhaber der mediterranen Lebensweise und der dazugehörigen Weine, wäre Slowenien zwangsläufig irgendwann mal auf der önologischen Karte aufgetaucht. Jetzt kam es aber irgendwie plötzlich ums Eck: In Form dieser Musterflasche von Terravigna aus dem schönen Bern.

 

 

Das Weingut Batić liegt mit seinen rund 20 Hektar unter Reben im fruchtbaren Vipava-Tal nahe der italienischen Grenze und quasi in Rufweite des Fiauls. Der Familienbetrieb wird vom Sohn Miha und Vater Ivan geführt. Ausgezeichnet wird das Tun [oder eher gesagt das Lassen] des Juniorchefs Miha durch seine Zielstrebigkeit im Bereich Naturweine und den biodynamischem Anbau. Er ist – was die Radikalität bezüglich naturnahem Weinbau angeht – wohl irgendwie der slowenische «Ché Guevara»!

 

Als er in die Fussstapfen des Vaters zu treten begann, machte Miha sich die Lehre von Rudolf Steiner zu eigen. 

Er fing aus Überzeugung an keine Chemie zu verwenden und ausschliesslich mit Naturhefen zu arbeiten. Seine Preziosen füllt er heute zudem unter mimaler Schwefelzugabe ab. Die Gärten sind teilweise mit über 12'000 Reben pro Hektar bestockt, was sie dazu bringt tief in den Mergelböden nach Mineralien zu graben.

 

Der vorliegende Wein aus der Traubensorte Cabernet Franc ist sicher kein «einfaches Kind». Einerseits ist der Tropfen noch sehr jung. Andererseits ist er aromatisch nicht mit Vielem, was man so von der Traubensorte kennt, vergleichbar. Er ist erstmal einfach wild und ungestühm. Doch dadurch gewinnt er den in sich horchenden Weinliebhaber eben irgendwie auch für sich. Man muss sich den Zugang zu ihm richtiggehend erkämpfen. Hat sich der «wilde Rauch» nach ein paar Stunden im Dekanter mal verzogen, offenbart er eine Schönheit die mich persönlich stark an einen edlen Blaufränkisch erinnert.

 

Im Glas fällt die sehr dunkle, ja fast schwarze Farbe mit violetten Reflexen auf. Das Aromenspektrum mit Stall, Sattel und Rossdecke erinnert zu Beginn gar stark an den Besuch eines Rodeos im Westen der USA. Zugegebenermassen: Zuerst wollte mir dies gar nicht gefallen. Doch mit der Zeit streifte er sich diesen burschikosen Wild-West-Mantel ab und offenbarte Noten von Erdbeeren, Tannenzapfen, nasse Steine und nur noch im Hintergrund ein wenig gegerbtes Leder. Was in dieser Form völlig in Ordnung und fast schon ein wenig kokett anmutete.

 

Am Gaumen wirkt der Tropfen dann ungemein natürlich und bekömmlich. Ob hier die von Miha ausschliesslich benutzten Naturhefen einen Einfluss haben, sei mal dahingestellt. Jedenfalls findet man den Zugang zum Wein an dieser Stelle dann einfach, um nicht zu sagen «fliessend». Er ist schlank, verfügt über ein schönes Tannin und eine feine Säure. Lässt man ihn ein wenig kreisen, stellt sich ein einprägsames Sauerkirscharoma sowie Marzipan und Peperoni ein. Er ist über die Zeit gewinnend und hat einen langen Abgang zu bieten. Die Präzision des Tropfens und die Schlankheit lässt einen ständig zum Glas greifen.

 

Ob man nach solchen Weinen sucht und ausschliesslich das trinken will, sei hier an dieser Stelle jedem selber überlassen. Ich vertraute bisher zu 98% auf konventionelle An- und Ausbaumethoden und bin demzufolge ein «Traditionalist». Nichtsdestotrotz lohnt es sich die aktuelle «Naturalweinszene» im Auge zu behalten, was dieser Wein meiner Ansicht nach recht deutlich beweist.

 



«COOL BERRIES IN HOT SUMMER»

Ziereisen, Tschuppen, 2015

 

 

Weinverkostung: 1. Juni 2019

Herkunft: Deutschland, Baden

 

N: Beerige Noten, Sauerkirschen, Cassis

G: Blutorangen, Minze, Boysenbeeren

WF: 8.0|10.0 [empfehlenswert!]

 

Bezugsquelle: Paul Ullrich CH | Lobenbergs DE

Preis: CHF 17.50 | €12

Kommentar: Selbst bei sonnigem Wetter und sommerlich heissen Temperaturen überfällt mich ab und an die Lust auf einen Rotwein. Dies führt bei mir zwangsläufig fast immer zu Pinot Noir oder in diesem Fall Spätburgunder wie er zumeist in unseren Gefilden heisst. Denn ein Alternativprogramm in ‚zart rosa’ kommt bei mir nicht ins Glas. Gibt keinen Grund dazu.

 

Leicht gekühlt, kam dieser wunderbar würzige Tschuppen 2015 von ‚The Ziereisens‘ auf den Tisch. Natürlich würden ihm noch ein bis zwei Jahre in der Flasche gut tun. Doch ist er bereits jetzt schon sehr offen, zugänglich und trinkig. In short: Er hat Zug! Seine schöne puristische Tiefe und Prezision überzeugen vollends. Wer kein Schi-Schi sondern nur pure und reine Ehrlichkeit sucht, wird hier mehr als fündig.

 

In der Nase kühle beerige Noten, Johannisbeeren, Sauerkirschen und Cassis. Man spürt, dass er die Betriebstemperatur noch nicht erreicht hat. Doch mit jeder Drehung, die man ihm im Glas versetzt, öffnet er sich mehr. Am Gaumen Blutorangen, eine Spur Minze und Boysenbeeren. Der Nachhall ist für einen vermeintlich ‚einfachen‘ Wein unendlich lang.

 

Für die Weine von Ziereisen kann man beinahe eine uneingeschränkte Kaufempfehlung abgeben. In meinem Fall zumindest für die Spätburgunder, Syrah und den Chardonnay.  Die Chasselas bzw. Gutedel werden von Liebhabern ebenfalls hoch gehandelt...

 



«ABC ODER OMG. EIN SCHMALER GRAT.»

Erich Meier, Chardonnay Barrique, 2015

 

Weinverkostung: 27. Mai 2019

Herkunft: Schweiz, Zürichsee 

 

N: Karamell, Vanille, Buttercroissant

G: Belegend, üppige helle Blüten, Kokos

WF: 8.0|10.0 [Old School Chard!]

 

Preis: CHF 28.-

Bezugsquelle: Flaschenpost

Kommentar: Erich Meier führt ein Vorzeigeweingut im Kanton Zürich. In Uetikon am See hat er sich auf Pinot Noir, Müller-Thurgau und die lokale Traubensorte Räuschling eingeschossen. Daneben bewirtschaftetet er auf knapp sieben Hektar noch weitere sechs Traubensorte. Ein Besuch bei dem offenen und ausgesprochen freundlichen Winzer ist eigentlich ein Muss für Stadtzürcher, Agglos und sonstige Geniesser. Vor allem wenn man erfahren will, was [unter anderem] am See von «Downtown Switzerland» önologisch alles machbar ist.

 

Erich ist ein militärisch durchtrainierter und ganz und gar ordnungsliebender Mensch. Läuft man durch sein Weingut ist alles aufgeräumt, alle Hecken sind akkurat gestutzt und die Rebzeilen stehen perfekt in Reihe und Glied. Der neue Fasskeller ist wunderschön mitten im 

alten Bauernhof-Ensemble eingelassen und strahlt etwas Kathedralisches, ja fast Unendliches aus. Wären nicht die Youngsters, sprich der Nachwuchs, am Rumtollen, hätte man kaum den Mut die Stimme zu einer Frage zu erheben.

 

Zu Erich kommt man eigentlich wegen Pinot und Räuschling. Doch er macht daneben eben auch alles andere saugut. Wie zum Beispiel den Sauvignon Blanc. Sogar auf Riesling lässt er sich ein. Sein Chardonnay geniesst den Ruf einer der besten vom Zürichsee zu sein. In diesem Zusammenhang erstanden wir 2016 bei einem Überraschungsbesuch verschiedene Kisten Wein. Darunter den 2015er Chardonnay.

 

In der Nase verströhmt er einen vollen und üppigen Duft. Von Beginn weg haftet ihm ein wenig der Eindruck eines mächtigen Vertreters der Rebsorte nach. Da drängen sich süsslich-buttrige Noten nach Karamell, Vanille, Buttercroissant und vollreifer Mango aneinander. Das kam mir alles durchaus bekannt und vertraut vor. Allerdings erwartet man solche Düfte normalerweise eher bei Chardonnays aus dem Land von «Cowboy & Indianer».

 

Am Gaumen ist er dicht und konzentriert. Die Konsistenz wirkte etwas ölig. Die eher subtile Säureausprägung vermag ihm nicht etwas Tänzerisches, Filigranes oder Mineralisches zu verleihen. Man nimmt helle Blüten, reife Ananas und etwas Kokos im Abgang wahr. Die erwähnte Viskosität gibt ihm etwas Belegendes und Schweres mit auf den Weg.

 

Der Chardonnay von Erich Meier hat mich vor ein paar Jahren richtiggehend aus den Socken gehauen. Doch seither waren wir in der Pfalz, Baden, Burgund und anderen Gegenden. Da konnten wir leichte, filigrane, feine, mineralische und fast schon fliegende Chardonnay verkosten. Trotzdem waren sie vielschichtig, explosiv, kraftvoll, feurig und unendlich lang. Es ist ein schmaler Grad zwischen ABC und OMG. Aber man kann ihn definitiv finden.



«FÜR SPECK NEHME MAN EIN SCHWEIN»

Alexander vs. The Ham Factory, Laura Muñoz-Rojo, 2015

 

Verkostungsnotiz: 3. Mai 2019

Herkunft: Spanien, Ribera del Duero

 

N: Himbeeren, Vanille, Johannisbeeren

G: Gute Frische, Sauerkirschen

WF: 8.0|10.0

 

Preis: CHF 39.50

Bezugsquelle: Terravigna

Kommentar: «Alexander vs. The Ham Factory» ist ein Wein absolut moderner Machart. Der - einmal zielgruppengerecht eingesetzt - wohl jede Party zu einem ziemlichen Botellón ausarten lässt.

 

In der Nase vereint er all die vielen roten und dunklen Beeren die man sich gern mit vollen Händen ihrer eigentlichen Bestimmung zuführt. Daneben schöne Süsse und eine gute Portion Vanille.

 

Am Gaumen primäre Aromen nach Himbeeren und Sauerkirschen. Die Säure ist präsent und tänzelt mit dem Tannin in angenehmen Gleichklang. Der Abgang ist von einer guten Länge und bestätigt nochmals die in der Nase zu Beginn wahrgenommenen Sauerkirschnoten. Für einen Ribera del Duero ist der Wein eher von schlanker und frischer Statur.

 

Um Hand in Hand oder besser gesagt die «Schwein-zu-Mund-Bedingungen» im Teller zu betonen, habe ich mir heute explizit diesen Wein gegönnt. Die Pasta mit Tomaten-Salbei-Specksauce passte dazu wie die berühmte Faust aufs Auge.



«KEIN BROT? HER MIT DEM KUCHEN!!»

Bakestone Cellars, Cab. Sauvignon, Cakebread, 2015

 

Weinverkostung: 28. April 2019

Herkunft: Kalifornien, USA

 

N: Cassis, Heidelbeeren, reife Kirschen

G: Schwarze Johannisbeere, Kokosnuss, Schiefer

WF: 9.0|10.0 [geil!]

 

Preis: CHF 29.-

Bezugsquelle: American Wine Factory

Kommentar: Einst soll es offenbar grosse und sehr europäisch wirkende Cabernets aus Kalifornien gegeben haben. Sie stellten in den 70ern und 80ern Jahren des letzten Jahrhunderts oft berühmte Bordeaux in den Schatten.

Dann kam die Zeit der fetten und alkoholischen Barriquebomber, die oft so gar nichts mehr mit ihren Vorgängern zu tun hatten. Diese Zeitrechnung währt zwar immer noch, wenn man sich durch verschiedene kalifornische Weine durchverkostet. Doch hie und da findet man Perlen. Natürlich bei Klassikern wie Togni oder Heitz. Doch auch bei jüngeren Wineries wie Corison.

 

Cakebread ist ebenfalls ein Name, den man im Auge behalten sollte. Mit seinem Cabernet Sauvignon ‚Bakestone Cellars‘ wurde hier in der vernünftigen Preisklasse zwischen €30-40 ein prachtvoller Kalifornier geschaffen. Der Wein hat durchaus ‚Wumms‘ und will gar nicht der filigrane Tänzer sein. Aber, er hat eine wunderbare tiefe Aromatik und Länge, die einen stets wieder zum Glas greifen lässt.

 

In der Nase sind es Cassis, Heidelbeeren und vollreife Kirschen, mit welchen er nicht geizt. Am Gaumen wirkt er voll und verströmt eine edle Geschmeidigkeit ohne auch nur ein Milisekunde plump zu wirken. Im Gegenteil! Nachdem ich letztens ausserordentlich teuere Kalifornier verkosten durfte, bin ich froh, wieder auch in normalen Preisgefilden einen US-Tropfen mit Zug und Charme gefunden zu haben.

 

Man kann den kleinen Bakestone durchaus jetzt schon trinken. Doch werden ihm wohl ein paar Jahre Kellerruhe sicherlich noch gut tun. Die Anlagen für diesen Schönheitsschlaf hat er durchaus. Ob Geniesser aber ihm diese Zeit gönnen, wenn sie ihn erstmal gekostet haben, wage ich zu bezweifeln...



«DIE LIEBE BESTEHT ZU ¾ AUS NEUGIER»

CasaNova, Ochsenweide, Pinot Noir, 2016

 

Weinverskostung: 18. April 2019

Herkunft: Schweiz, St. Gallen/Graubünden

 

N: Rosenduft, Erdbeeren, Mandarine

G: Hagenbutten, Tabak, Sauerkirschen

WF: 8.5|10.0 [sehr gut]

 

Preis: CHF 24.-

Bezugsquelle: CasaNova

Ochsenweide, CasaNova, 2016
Ochsenweide, CasaNova, 2016

Kommentar: Marco Casanova weiss mit seinen Weinen zu verführen. Vor ein paar Monaten durfte ich ihn persönlich an einer grösseren Verkostung in Zürich kennenlernen. Dort versammelte sich wie immer im März die Schweizer Weinelite zur Degustation der jüngsten Jahrgänge. Zwischen all den grossen Namen und mächtigen Pinots schmiegten sich die Stände der beiden Spätburgunderflüsterer Marco Casanova und Michael Broger aneinander. Beide beherrschen die Kunst, ihren Weinen das Maximum am Terroirtreue und Sortentypizität mit auf den Weg zu geben. Jeder auf

 

 

seine eigene Art und Weise.

 

Marco Casanova lernte sein Handwerk bei verschiedenen Weinbaubetrieben. Nach wichtigen Karriereschritten in Südfrankreich (Aufbau Mas du Soleilla) und Graubünden (Cicero) entschloss er sich dazu, in Walenstadt sein eigenes Weingut zu gründen. Am Fusse der Churfirsten und in Sichtweite des Calanda bewirtschaftet er rund eine Handvoll Hektar Rebberge nach biodynamischen Grundsätzen. Seine Philosophie beschreibt er als Fokussierung auf die Natur und Respekt davor, was sie uns an Schätzen gibt. Was gerade heutzutage vielfach nach inhaltleeren Phrasen klingt, glaubt man dem bescheidenen und ausgesprochen sympathischen Marco aufs Wort.

 

Mit seinen Weinen kam ich bereits vor rund zehn Jahren in Berührung. Damals wusste ich nicht, dass die wunderbaren Tropfen des Weinguts «Cicero» seine Handschrift [mit]trugen. Zusammen mit dem als genial angesehenen Weinmacher Thomas Mattmann produzierte er in Zizers grosse Schweizer «Burgunder» von beachtlicher Langlebigkeit und Tiefe. Nicht anders scheinen nun die Preziosen aus seinem eigenen Weingut zu sein.

 

Der Pinot Noir aus der Lage «Ochsenweide» in Zizers und dem Jahr 2016 ist ein ruhender Riese. Im Glas ist er farblich eher blass und mit einem relativ breiten Wasserrand versehen. Doch bei den Weinen von Marco bedeutet dies lediglich das was es ist: Feine burgundische Färbung. Punkt!

 

Bereits in der Nase offenbart er seine wunderschön weiche und würzige Frucht. Getrocknete Rosenblüten vermengen sich mit feinen Walderdbeeren. Darüber spannt sich ein Netz aus feinen Aromen nach geschälten Mandarinen und Orangenschalen.

 

Am Gaumen offenbaren sich zuerst Hagenbutten und ein feiner Ton nach Tabak und gegerbtem Leder. Am Schluss kriechen feinste Sauerkirschen über den Gaumen. Insgesamt ist das Tannin ausgewogen und wirkt sehr natürlich. Da scheint das Holz keine Rolle gespielt zu haben. Die Säure ist begleitend und perfekt dosiert.

 

Im langen Abgang folgt ein dezenter Bitterton der die Frische nochmals hebt und fast schon während Minuten anhalten lässt. Ein toller Wein, der Seine Schönheit bereits nach dem ersten Glas offenbart. Ganz im Sinne von Giacomo Casanova, ist es nach spätestens ¾ der Flasche definitiv um einen geschehen.



«HARD. HART RANZUKOMMEN»

Ziereisen, Hard, 2016

 

Weinverkostung: 12. April 2019

Herkunft: Deutschland, Baden

 

N: Helle Blüten, Birne, Holunderblüten

G: Kamillentee, straffe Säure, Honig

WF: 8.5|10.0 [gut bis sehr gut]

 

Preis: CHF 37.- | € 26.80

Bezugsquelle: Ullrich CH | Gute Weine DE

Ziereisen, Chardonnay Hard, 2016
Ziereisen, Chardonnay Hard, 2016

Kommentar: «The Ziereisens» haben und sind eine eigene Welt für sich. Lässt man sich mal im Efringen-Kirchen im Innenhof des «alten» Weinguts auf eine harte Bank nieder, will man ab dem ersten Schluck eines ihrer Gewächse gar nicht mehr aufstehen. Es ist die Art und Weise wie man von Edeltraud und Hanspeter empfangen wird. Familiär, menschlich, natürlich und nah. Sie sind Bauern durch und durch. Sie reden klug, auf den Punkt und ohne Umschweife. Als ich das letzte Mal bei ihnen war, konnte ich mich bereits frühmorgens durch das komplette Sortiment trinken. Unprätentiös und «fadegrad» waren sei. Wie ihre Weine.

 

Obwohl ich nicht der absolute Liebhaber von Chasselas 

bzw. Gutedel bin, konnte ich mich vor Ort sogar damit abfinden. Denn, ihren Weinen dieser Traubensorte fehlen die nachgelagerten «Wachsnoten», welche in den entsprechenden Schweizer Tropfen oft mitschwingen. Innerhalb ihres Gutedel-Universums nimmt der «10hoch4» eine spezielle und eigene Stellung ein, die es allenfalls mal gesondert zu erörten gilt. Jedoch nicht heute.

 

Alle drei Besuche auf dem Weingut erwiesen sich als ungeeignet, um den Chardonnay «Hard» zu verkosten. Sowohl im Februar aber auch im Mai wie auch Oktober war er ausverkauft. Man konnte also beinah kommen wann man wollte und das Teil war den Ziereisens bereits aus den Händen gerissen worden. Nur durch einen glücklichen Zufall erhielt ich kurz vor Weihnachten ein Ziereisen-Weinpaket mit frisch abgefülltem Material. Darunter der Chardonnay «Hard». Nur das Christkind kann es also richten, um an den Tropfen ranzukommen.

 

Auf der Rückseite wird man darauf hingewiesen, dass die edlen Trauben von Hand gelesen werden und der Wein keinerlei Filtration unterzogen wird. Dies ist auch das Erste was einem im Glas auffällt. Der Tropfen ist nicht ganz brillant und weist eine feine Trübung auf. Es sind zuerst «Frühlingsboten» die einem in die Nase steigen. Holunder- und helle Blüten gehören zu den primären Aromen. Doch auch Birne und gelber Apfel folgen auf dem Fusse.

 

Am Gaumen ist der Hard erstaunlich bekömmlich, weich und sehr filigran. Ihn eindeutig als Chardonnay zu erkennnen, wäre mir blind wohl nicht in den Sinn gekommen. Zuerst hat man das Gefühl einen schönen und gut gekühlten Kamillentee zu trinken. Die Säure erfrischt ihn sogleich und macht den Wein wunderbar schlank. Es folgen verschiedene Honignoten. Erst beim zweiten Nachklang hat man eine feine Ahnung von Karamell am Gaumen. Höchstens hier, ist die Verwandschaft mit üblichen Vertretern der Traubensorte gegeben.



«EIN ARTISAN VON WELT»

Atlan & Artisan, Five Miles, 2014

 

Weinverkostung: 4. April 2019

Herkunft: Spanien, Yecla

 

N: Heidelbeeren, Pfeffer, Zeder

G: Dunkle Waldbeeren, Teer, Power

WF: 8.5|10.0 [sehr gut]

 

Preis: CHF 39.50 | € 36.-

Bezugsquelle: Baur au Lac CH | Geislers Weingalerie DE

Kommentar: Sebastian Keller. Hm? Ein Deutscher in Yecla? Ja genau! Genauer gesagt, ist Sebastian Keller ein Globetrotter wie er im Buche steht. Erstmals in Kontakt mit Sebastian kamen wir auf Mallorca. Spontan entschieden wir uns 2017 das Weingut Ses Talaioles auf der Insel zu besuchen. Nach ein paar Telefonaten und einer längeren Fahrt über Stock und Stein – wo wir die 4x4 Begabung des gemieteten Opel Corsa testeten – steht also dieser coole Sunnyboy vor uns.

 

Beeindruckt sind wir von der ersten Minute an. Mit Bestimmtheit zeigt er uns stolz seine Rebgärten im Hinterland des Städchens Porto Cristo.

Voll im Wind und mit Blick zum Meer erzählt er uns von dieser prädestinierten Lage, um gute Weine zu produzieren. Volumen, Fett an den Rippen oder hohe Alkoholgrade? Nicht sein Ding, sagt er. OK!

 

Sein Handwerk lernte er bereits in sehr jungen Jahren vom Grossmeister Bernd Philippi. Folgte ihm dahin und dorthin und wurde wohl so der Weinhopper, der er heute ist. Projekte auf Mallorca, auf dem Festland in Yecla, an der Mosel wie auch in Kroatien betreibt er selbst oder berät die Winzer vor Ort. Ihm und seinem Geschäftspartner Philippe Bramaz gehört das Weinunternehmen «Atlan & Artisan». Unter diesem Label produzieren sie verschiedene hochstehende Weine.

 

Aus einem dieser Projekte entsteht der Wein «Five Miles» aus der Region Levante (Yecla). Monastrell und Garnacha vermählen sich hier in der blau beflagten Burgunderflasche. In Erinnerung an das Gespräch auf Mallorca, ist man dann etwas überrascht 15.5 Volumen Alkohol auf der Flasche zu lesen. Aha, eine Bombe! Die Farbe ist satt rot mit leicht öliger Konsistenz im Glas und mächtigen Kirchenfenster. Nicht sehr passend der erste Eindruck. Doch, wie so oft... der täuscht.

 

Zu Beginn – gleich nach dem Öffnen – war das eine zugenagelte Geschichte. Nach rund zwei Stunden machte er auf und zeigte seine Mineralität. In der Nase vernimmt man dunkle Waldfrüchte, Heidelbeeren, Teer und Grafit. Lakritz, Zeder und eine feine Spur Süsse folgen. Am Gaumen spürt man deutlich die Tannine. Doch sie sind reif und geschliffen. Zudem ist eine überraschend vivide Säure vorhanden. Von Ermüdung oder Ermattung ist keine Spur da. Im Gegenteil: Der Wein vibriert, hat viel Spannung und eine angenehme Länge zu bieten. Der Abgang ist reichhaltig und schön.

 

Sebastian – mach weiter so!



«PAN. AUS DER ZEIT GEFALLEN.»

Luis Pato, Vinha Pan, 2005

 

Weinverkostung: 22. März 2019

Herkunft: Portugal, Bairrada

 

N: Tabak, Kaffee, Erde

G: Kirschen, Schwarztee, tiefer Abgang

WF: 9.5|10.0 [Panbegeisterung!]

 

Preis: CHF ~40.- | € ~30.-

Bezugsquelle: Mondovino CH | VinoMundo DE

Kommentar: Baga war bisher ein bisschen wie Gaga. Ja, die Lady: Lady Gaga. Die ging an mir komplett vorbei. Klar war ich mir ihrer bewusst, aber sie interessierte mich nicht die Bohne. Baga (die Traube) und Gaga (die Sängerin).

 

 

Es brauchte eine ältere Ausgabe eines wahrlich tollen Weinmagazins, um mich einerseits wieder auf die schon etwas länger verloren geglaubte «Portugal-Spur» zu bringen und andererseits um die Traubensorte «Baga» in mein Bewusstsein zu katapultieren. Buuumm! Mit Baga kam ich das letzte Mal bei Dirk Niepoort in Berührung. Der Altmeister des Douro outete sich an einem Anlass als grosser Liebhaber der Weine aus dem Landstrich südlich von Porto. Auf seiner Quinta de Nápoles durften wir 2015 einen «Projectos Baga» verkosten.

 

Kühl, von Winden und Regenausläufern des Atlantiks geprägt ist die Region «Bairrada». 

 

Die dort zur Hauptsache angebaute Traubensorte Baga ist in ihrer Mächtigkeit des Tannins wohl mit anderen Vertretern kühlerer Regionen vergleichbar. Am ehesten fallen mir – auf Basis der Eleganz – der Nebbiolo aus dem Piemont ein. Ausgesprochen spröde und fast wie ein Dickicht erscheint das sperrige junge Tannin eines Baga. Doch lässt man den Wein für längere Zeit im Keller liegen, entfalten sich eine ungeahnte Eleganz sowie ein vielschichtiges Aromenspekteum.

 

In der Nase dominieren beim Lagenwein «Vinha Pan» 2005, des Baga-Meisters Luis Pato, eher erdnahe Aromen. Zu Beginn fallen Kaffee, Mokka, Tabak und ein Kellerton ins Gewicht. Erst beim zweiten und tieferen Schnuppern kommt etwas Eukalyptus, Teer und Lakritz durch. Am Gaumen erstaunt die elegante «Masse» des Tropfens: Er ist trotz seiner tiefen 13.0 Volumen kein Fliegengewicht.

 

Das Tannin scheint nun nach 14 Jahren etwas abgemildert zu sein. Farblich sieht man dem Vinha Pan nichts an. Kräftiges und tiefes Rot funkelt im Glas. Die Farbe ist leicht «milchig» und trübe. Im Schluck erkämpft sich die Säure rasch einen Podiumsplatz. Sie puffert das Tannin gut ab. Das Zusammenspiel der Elemente ist elegant. Der Wein hat Spannung, Kraft und Grip! Schwarztee, Kirschen und Teer umrahmen hier das Spektrum. Er endet unendlich lang und auf teeigen Noten.

 

Um Neuland zu sehen, muss man sich manchmal über den Rand hinauslehnen. Bei Baga, muss man die Grenzen des Kontinents testen, um diese grossartige Traube zu «entdecken». Im Vergleich mit internationalen Sorten scheint sie – mit ihrem Anspruch nach sehr langer Lagerung – irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein. Doch: Sie muss niemandem gefallen, der ihr nicht die Zeit gewährt um sie zu wirklich kennenzulernen.



«HOCH DIE TASSA, MATASSA!!!»

Matassa, Coume de l’Olla

 

Weinverkostung: 15. März 2019

Herkunft: Frankreich, Roussillon


Nun, hochgelobt und -gejubelt wurden die Weine der «Domaine Matassa». Nichts lag also näher, als sie mal zu ordern und sich ein eigenes Bild davon zu machen.

 

COUME DE L’OLLA, BLANC, 2017

Der vermeintliche Weisswein entpuppte sich als sehr «oranger» Vertreter. Nicht nur farblich. Auch die anderen Eindrücke waren für einen reinen Weisswein sehr gewöhnungsbedürftig. In der Nase schenkte er einem zuallererst einen ordentlichen «Stinker». Wahlweise roch er leicht schwefel-faulig wie auch animalisch-streng. Irgendwas in Richtung «Pferd». Rössli-Decke, -Stall, -Sattel lag immerwährend in der Luft. Am Gaumen zuerst apfelig-sauer. Mit der Zeit öffnete er sich ein wenig im Glas und versprühte Aromen von Quitte, Wachs und nassem Lappen. Wir gönnten uns den Wein zum Apéro. Gaben ihm jedoch auch Zeit sich zu entwickeln. Spontan kam Besuch dazu. Die Nachbarn getrauten sich nicht etwas Eindeutiges zu sagen. Ausser das typisch schweizerische «interessant». Kenner wissen was das bedeutet…

 

WF: 6.5|10.0 [geht so…], Preis: CHF 23.50

COUME DE L’OLLA, ROUGE, 2016

Grundsätzlich stehe ich Neuem – vor allem bei Wein – IMMER offen gegenüber. Jede Rebsorte, Machart, Farbe oder Herkunft verdient eine Chance und Fairness [als einzige beiden Ausnahmen muss man vielleicht Pinotage und Lagrein nennen – das geht nun wirklich nicht mehr]. Jedenfalls, der Matassa Rouge hatte eine ähnlich verwegen-animalische Nasenaromatik wie der Blanc. Was mir am Tropfen hingegen am Gaumen sofort positiv gefiel, war seine Reintönigkeit und damit das Fehlen von jeglichem Balast. Da ist nichts, das von der glasklaren roten Sauerkirschfrucht ablenkte. Kein Barrique, nichts. Seine Stuktur ist pointiert. Der Körper drahtig und straff. Im längeren Schluck hat er eine hauchdünne Perlung, welche ihm Frische verleiht. Der Abgang ist etwas sperrig, wild und ungestüm.

 

WF: 7.5|10.0 [gut], Preis: CHF 21.50

 

Die beiden Metassa-Weine aus der Reihe «Coume de l’Olla» sind – kurz gesagt – sehr anstrengend. Weder stellt sich bei ihnen ein gewisser Zug ein, noch kann man sie irgendwie nebenbei geniessen. Sie sind äusserst intellektuell und haben in gewisser Weise grossen Erklärungsbedarf, wenn man sie in einer gemischten Runde aus Weinliebhabern und gelegentlichen Geniessern trinkt.

 

Bezugsquelle: Cultivino CH


 

«CLOSING. DINNER.» [6. März 2019]

 

Als Umrahmung eines tollen Dinners gönnten wir uns in kleiner-feinen Runde eine übersichtlich Tour zu Weinstilen, -arten und Traubensorten. Zu essen gab es von Ceviche bis krossem Schweinebauch alles was das Herz begehrte.

 

BLANC et NOIR, Rings, 2013

Ein unheimlich voller Winzersekt aus deutschen Landen. Sehr schönes Volumen, klasse feine Perlage und wunderbare hintergründige Mineralität. Der Wein befindet sich exakt an der Grenze wo die primären Aromen nach Brotkruste und Hefe langsam in den Hintergrund treten und den feinen petroligen Noten die Bühne überlassen. Die hier verwendeten Traubensorten Chardonnay und Pinot Noir bzw. Spätburgunder machen den Schäumer komplex und aromatisch ausgesprochen attraktiv. WF: 8.5|10.0 [war weg wie nix!]

 

SOPHIE, Manincor, 2015

Ein aufsehenerregender Chardonnay. Da er blind ausgeschenkt wurde, kam rasch die Vermutung auf, man habe hier einen «Neue Welt»-Vertreter im Glas. Doch dieser Eindruck legte sich rasch. Denn Sophie gewann schnell an Strukturtiefe und Mineralität. Der Tropfen hatte unwahrscheinlich Zug, sodass es uns nicht vergönnt blieb, seine Entwicklung den Abend hindurch etwas analytische zu beobachten. Aber auch so, bleibt er uns in sehr guter Erinnerung: Ein sehr schöner Wein. WF: 8.5|10.0 [nicht Nordamerika, sondern Südtirol!]

 

PASSION, Martin Donatsch, 2011

 

Ein Pinot Noir als Spiegel der Bilderbuchlandschaft der Bündner Herrschaft. Anmutig, aufregend, karg in der 

 

 

Seele und präzis im Ausdruck. Trotz der acht Jahre auf dem Buckel wirkte er noch sehr jung. Der gewohnt rauchige und regionstypische Nachhall am Gaumen bestätigte diesen Befund eindringlich. Der Wein trieb einer zufällig vorbeilaufender Bedienung beinahe die Tränen in die Augen! Ob wir denn wüssten, was wir da vor uns hätten?! Klar, sind ja nicht von gestern :-) WF: 8.5|10.0 [Martin, der kann’s!]

 

 

PLAVAC MALI, Korta Katarina, 2011

Einer dieser modernen kroatischen Weine. Jedoch nicht modern im Sinn von «barriquegeschwängert» oder alkoholbeladen. Das andere «Moderne» ist gemeint: Finesse, Präzision und Eleganz. Zuerst kam die Vermutung auf, es handle sich hier um einen edlen Italiener. Mit der Zeit wurde der Plavac Mali aber ein richtig Grosser. Im Sinne seiner Reintönigkeit, Spurtiefe und Finesse. Ratzfatz war das Fläschle leer. Dies obwohl er als zweitletzter Wein auf den Tisch kam und davor nichts gespuckt wurde... WF: 9.0+|10.0 [joj, da muss ich bald hin!]

 

ALENZA GRAN RESERVA, Alejandro Fernandez, 2009

 

Ein grossartiger Wein, der mich vor ein paar Monaten [wieder] dazu brachte, mich für Ribera del Duero zu interessieren. Der Wein ist also eine Art «Door-Opener». Wir verkosteten ihn gleichzeitig mit dem Korta Katarina. Zu Beginn hatte er auch ganz klar die Nase [und den Gaumen] vorn. Die dunkelbeerige Nase überzeugte rasch. Ungläubige Blicke folgten als ich das Alter eröffnete. Am Gaumen viel Schmelz und ein einnehmender Körper. Über die Zeit verlor er deutlich an Terrain. Doch er blieb trotzdem ein Schmeichler und Schmachtbolzen. WF: 9.0|10.0 [olé, Matador!]



«EDLER RITTER»

Le Cinciole, «Camalaione», 2012

 

Weinverkostung: 28. Febrauar 2019

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Waldbeeren, Teer, Trockengräser

G: Finesse, Cassis, dicht

WF: 9.0|10.0 [edler Ritter!]

 

Preis: CHF 45.- | € 38

Bezugsquelle: Denz Weine CH | Superiore DE

Camalaione, Le Cinciole, 2012
Camalaione, Le Cinciole, 2012

Kommentar: «Camalaione» ist zusammen mit dem «Petresco» der Topwein des toskanischen Weinguts Le Cinciole in Panzano. Rund zwei Drittel des Inhalts des erstgenannte Tropfens bestreitet die Traubensorte Cabernet Sauvignon. Den Rest teilen sich

Syrah und Merlot. Wäre da nicht der Syrah, könnte man von einem klassischen «Rive gauche»-Bordeaux-Blend sprechen. Der Camalaione ist insgesamt ein spannungsgeladener, kraftvoller aber eben auch edler und eleganter Wein. 

 

In der Nase ist er ausgesprochen aromatisch. Denn die dunklen Waldbeeren und die schönen Teeraromen werden von einem Bukett aus Heu und getrockneten Gräsern begleitet. Am Gaumen weist er eine saftige und gleichzeitig zupakende Statur auf. Der Anteil Merlot verleiht ihn Sanftheit und Rafinesse. Die Textur ist dicht. Doch wirkt er zu keinem Zeitpunkt fett. Im Gegenteil! Zuweilen hat man das Gefühl ein «schmaler» aber umso tieferer Wein krieche einem über den Gaumen. Die Säure bebaggert die noch jungen Tannine erfolgreich und sorgt dafür, dass er als harmonische Einheit wahrgenommen wird.

 

Die [lediglich] aromatische «Üppigkeit» dieses schönen Sorgenbrechers zeigt recht deutlich, dass hier Trauben aus einem Weinberg mit hoher Stockdichte und sorgsamer Selektion verarbeitet wurden. Da mussten die Reben ganz tief in den Boden, um sich die nötigen Nährstoffe zu besorgen.

 

Trinkt man den Camalaione bedächtig und lässt ihm Zeit, belohnt er einen mit zusätzlicher Spannung und wird mit jedem Schluck besser. Es gibt sowieso keinen Grund hier hastig zu agieren: Der Wein wird sich noch mindestens zehn weitere Jahre halten. Denn von den sieben Jahre, die der Hausritter von Le Cinciole auf dem Buckel hat, merkt man nämlich genau: Null.



«SIZILIANISCHE LEICHTIGKEIT»

Milazzo, «Duca di Montalbo», 2004

 

Weinverkostung: 28. Februar 2019

Herkunft: Italien, Sizialien

 

N: Minze, Lakritz, Heidelbeeren

G: Heu, Cassis, Pfeffer

WF: 9.5|10.0 [Der Pate, baby]

 

Preis: CHF 67.40

Bezugsquelle: Riegger CH 

Duca di Montalbo, G. Milazzo, 2004
Duca di Montalbo, G. Milazzo, 2004

Kommentar: Ein wahrer Edelmann von der Stiefelspitze Italiens. Sizilien hat es nicht einfach. Viel Sonne, fruchtbares Land und produktionswillige Weinbauern. Ein Gemisch aus dem allzuoft Massenware oder eben 

auch Konfitürenträume entstehen. Abgesehen von den Tropfen aus dem DOC Etna, ist es schwierig sizilianische Weine mit dem Attribut «Eleganz» in Einklang zu bringen. Fand ich bisher. Ab und zu begegnete man mal einem. Quasi unverhofft. Mal ein Jahrgang des «Mille e una Notte». Ab und an ein «Cerasuolo di Vittoria». Das war‘s.

 

Dann kam vor ein paar Jahren plötzlich ein neuer Vertreter dazu: «Duca di Montalbo» von Milazzo. Erst nachdem der Tropfen sechs Jahren auf dem Weingut [4 Jahre im Fass und 2 Jahre auf der Flasche] gelagert wurde, findet er jeweils den Weg auf den Markt. Und er ist schlicht ein perfekter Vertreter seiner Zunft. Das ist alles andere als erwartet. Intuitiv teilt man diesen Wein, mit seinen 14.5 Umdrehungen, automatisch zu den schweren Jungs ein.

 

Welch Irrtum! Denn der Tropfen aus zwei Neros [d‘Avola und Cappucio] ist ein wahrer Tänzer. In der Nase ist er sehr intensiv. Durch die Noten von Minze und etwas Lakritz wirkt er frisch und fast schon ätherisch. Dunkle Beeren drücken danach durch. Am Gaumen einnehmend voll und sehr bekömmlich. Das Tannin ist bloss eine wage Ahnung, denn es ist perfekt eingebunden. Die Aromatik am Gaumen ist breitgefächert. Heublumen und Waldbeeren, Cassis und Pfeffer. Ein toller und extensiv langer Abgang.

 

15 Jahre auf dem Buckel? Keine Spur davon im Glas. Ein Traum von einem Sizilianer.



«TAPFERES SCHNEIDERLEIN»

Schneider, M Spätburgunder, 2012

 

Weinverkostung: 13. Februar 2019

Herkunft: Deutschland, Pfalz

 

N: Trockenrosen, Orangenzesten, Anis

G: Rote getrockente Früchte, Bitterschokolade, Kohle

WF: 8.5|10.0 [good stuff]

 

Preis: € ~16.-

Bezugsquelle: Vincampo oder beim Weingut

Kommentar: Was kriegt doch dieser Winzer alles ab, wenn man auf den (un)sozialen Medien ein bisschen die Augen offen hält und die offensichtlichen Kommentare liest sowie die teilweise versteckten Botschaften darin interpretiert. Weshalb? Man – besser gesagt ich! – weiss es nicht so richtig. Und verstehen tue ich es schon gar nicht.

 

So ging es mir auch, als ich 2014 an einem verregneten Vormittag nach Ellerstadt rausfuhr, um die Weine eines gewissen Markus Schneider zu verkosten. Bis auf den «Ursprung» kannte ich keinen seiner Preziosen. Der genannte Wein konnte mich selbst nach mehrmaligem Genuss nicht für sich einnehmen. Nichtsdestotrotz fand ich die Machart überaus interessant. Zwar gemacht, aber modern und gut, oder eben für den Mainstream erdacht. Bei Weinen aus Deutschland war mir dies auf dem Level noch nicht untergekommen. So führte mich die Neugier in den blitzblanken und perfekt gestylten Verkostungsraum.

 

Die Gesamtheit der Weine empfand ich als echt gut gemacht. Immerzu eine Spur oder ein Ton in der Aromen- oder Geschmacksklaviatur mehr wurde einem (vor allem) in den Mund gelegt. Man musste nicht lange suche – die Weine waren einfach da und machten 

zumeist nicht auf «akademisch» oder kompliziert. Aber, es gab auch welche, die man entdecken musste. Sie waren stiller und forderten einem ab, in sich hineinzuhorchen und für sich abzuwägen. So der Blaufränkisch und Spätburgunder der Linie «M». Neben dem Riesling «Saumagen» schafften es dann die beiden eben genannten Preziosen auch auf den Einkaufszettel.

 

Die sieben Jahre des Spätburgunders M 2012 sind für einen Rotwein dieser Güte kein Alter. Im Gegenteil: Gute Pinot Noir aus Deutschland und der Schweiz fangen üblicherweise dann gerade ihre Pubertät ad acta zu legen und beginnen sich langsam zu beruhigen. Im Glas wirkt Schneider’s Version davon bereits fortgeschritten. Fast ziegelrot und zum verwechseln ähnlich zu einem schönen Nebbiolo oder gar Sangiovese wirkt er. In der Nase ist er beinahe bombastisch was die Komplexität angeht. Es herrscht ein Gedränge an Süsse und Mineralität sowie Frucht und Würze. Am ehesten machen sich Trockenrosen den Weg frei. Es folgen wunderbar schöne Orangenzesten und sowas wie ein Hauch von Anis und ätherischen Ölen. Eine gleichzeitige Mischung aus Fülle und Eleganz umweht ihn.

 

Am Gaumen setzt sich die Dualität fort. Einerseits fällt zuerst das Aromenspektrum verschiedener roter zumeist getrockneter Früchte und Beeren auf. Cremiges Erdbeerjoghurt, ein wenig Cranberries und sogar Blutorangen. Dann kommen Bitterschokolade und etwas Kohle oder Schiesspulver dazu. Im Antrunk scheint der Spätburgunder eine leicht «alkoholische» Note zu haben. Das verflüchtigt sich aber rasch. Was bleibt, ist ein weicher und harmonischer Auftakt, der dann durch einen plötzlichen Säureschub emporgehoben und irgendwie dramatisiert wird. Es ist nicht einfach edle Säure, die da versucht den Wein in die Länge zu tragen. Es ist ebenfalls eine feine Bitterkeit, welche dem Tropfen Spannung und irgendwie eine wohltuende «Unausgeglichenheit» verleiht.

 

Die Verkostung verging damals (zu) professionell und wie im Fluge. Während die rothaarige deutsche Dame den kleinen Schweizerlein über die Eigenheiten der verschiedenen Rebsorten in den Rebbergen und Flaschen unterrichtete, lief tatsächlich Markus Schneider himself durch das Bild, grüsste freundlich und wünschte seiner Angestellten und mir einen schönen Tag. Ein total bodenständiger und gleichzeitig auch weltgewandter Typ «Mensch». Ein tapferes Schneiderlein eben.



«A WALK ON THE RAZOR‘S EDGE»

Roberto Voerzio, Barbera d’Alba «Il Cerreto», 2014

 

Tasting note from: 2nd February 2019

Origin: Italy, Piedmont

 

N: Coal, tar, concrete

G: Boysenberry, sour cherries, dry herbs

WF: 8.5|10.0 [a nice show of auntie Barbera]

 

Price: CHF 33.- | € 24.95

Source: Boucherville CH | Lobenbergs DE

Comment: What I like about Roberto Voerzio? It‘s the radical kind of thinking he and his son follow. It seems that he and Davide never look left nor 

right. Nither back - into the past. Their way is just their way and it goes only straight. To the future. This is presumably the major reason that their wines are very much different in any sense from other producers on the surrounding hills in Piedmont!

 

Walking with Davide through the vineyards is like diving into an own world which is very much focused on purity of nature and the quality the wines make out of it. For us it seemed two years ago like a walk on the razor’s edge. On the one side the very precise a somehow mathematical way of working in the vineyards. On the other side is the principal of «laissez-faire» as much as possible in the celler.

 

This singularity one can clearly observe in the Barbera «Il Cerreto» from 2014. In general, a rather weak vintage due to weather reasons. Nevertheless, the Voerzios produced a light but aromatic and substantial wine. It has not the dark color of «modern» Barberas. The flavours in the nose are rather gloomy, opaque and quite close to a good Nebbiolo.

 

On the palate it’s not the fruit one recognise first. There are many mineralic aromas like coal, tar and wet concrete. In the back follow nicely structured boysenberries and sour cherries. The wine ends clear and fine on herbal notes. It’s a quiet wine that does not jump you in the face. It’s rather explorable when you calm down, relax and allow ‚auntie Barbera‘ the time she needs. I like.



«IST DAS PINOT? ÄÄÄH…»

Roagna, Rosso, 2013

 

Weinverkostung: 19. Januar 2019

Herkunft: Italien, Piemont

 

N: Rosen, Hagenbutten, Teer

G: Schwarztee, Kirschen, Leder

WF: 9.0|10.0 [wunderbar pinotesque]

 

Preis: CHF 32.50 | € 28.50

Bezugsquelle: Cultivino CH | Lobenberg DE

Roagna, Langhe Rosso, 2013
Roagna, Langhe Rosso, 2013

Kommentar: Diese Frage kann bei Roagna’s Rosso durchaus berechtigt sein. Generell und vor allem an Blinverkostungen laut ausgesprochen, kann sie zudem für ziemlich viel Verwirrung am Tisch sorgen. Plötzlich werden in solchen Momenten alle sichtlich nervös. Der Zweifel fängt reihum an den erstgefällten Urteilen zu nagen. Toll. Wein und gute sowie neugierige Weinfreunde machen demütig.

 

Andererseits: Weine, die [vermeintlich] verschleiern oder vorgeben etwas Anderes zu sein – als sie in Wirklichkeit sind  können auch «schwierig» sein. Produziert ein Winzer einen Tropfen, der weder für’s Terroir, die Tradition oder die Traube [die drei magischen «T»] steht, kann dieser 

natürlich sehr gut sein. Ist es aber eben oft nicht. Allerdings, wenn ein Wein aus der Traubensorte Nebbiolo für einen Pinot Noir gehalten wird [oder umgekehr], sollte man gut zuhören. Denn, dass ist oft ein «Volltreffer»!

 

Roagna ist ein Produzent, der im schönen und von Gaja dominierten Städtchen Barbaresco zu Hause ist. Vermutlich liegt es daran, dass man – geblendet von solch schillernden Produzenten – einen vermeintlich «kleinen» Namen, nicht wahrnimmt. Im Nachhinein gesehen, ist dies fast ein unverzeihlicher Fehler, der mir in den bisherigen Reisen ins Epizentrum des feinen Nebbiolos unterlaufen ist. Dies wird mir nicht mehr passieren.

 

Roagna bearbeitet etwa ein Dutzend Hektaren vor allem in Barbaresco und etwas in Barolo. Die Trauben für den Langhe Rosso kommen aus den beiden Lagen «Pajé» in Barbaresco und «Pira» bei Castiglione Fellatto. Dabei werden aus diesen fantastischen Weinbergen Trauben von vornehmlich jungen Reben [< 25 Jahre] für diesen Tropfen verwendet.

 

Schön ist beim Roagna Rosso die eigene und für Barbaresco typische «innere» Ruhe und Stille. In der Nase ist er ungemein teeig und kühl. Zuerst noch eine Spur «rötlich» und mit der Zeit im Glas immer dunkler. Der Duft ist einnehmend und eine schöne Komposition aus Rosen, Schwarztee und Teer. Da ist bereits viel Komplexität vorhanden. Am Gaumen merkt man, dass der Jahrgang 2013 noch etwas Zeit braucht, um seine ganze Pracht zu entfalten. Das Tannin ist präsent, jedoch schön poliert und angenehm. Die tolle Säurestruktur hält es gut in Zaum und sorgt für ein frisches, knackiges und überaus leichtes Mundgefühl. Die erwähnte Balance der Elemente lässt den Wein vibrieren und verleiht ihm eine tolle Spannung sowie Biss.

 

Ein edler, zurückhaltender und anmutiger Wein mit sehr feinem und burgundischem Einschlag. Geniales Preis-/Leistungsverhältnis. Strong buy!



«SUCHTSTOFF»

Volpaia, Chianti Classico Riserva, 2015

 

Weinverkostung: 11. Januar 2019

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Amarenakirschen, Sandelholz, Tomatenblatt

G: Balsamico, Kaffee, Heidelbeeren, Hauch Kokosnuss

WF: 9.5+|10.0 [purer Rausch]

 

Preis: CHF 27.- | € 30.-

Bezugsquelle: Schubi Weine CH, Belvini DE

Volpaia, Chianti Classico Riserva, 2015

Kommentar: Keine Ausnahme. Der Besuch von Volpaia gehört stets zur Reise in die Toskana dazu. Das kleine Einod auf der Spitze eines Hügels sieht man von Radda herkommend thronend majästätisch dastehen. Volpaia ist irgendwie – für mich persönlich – der Inbegriff dieser Region, in deren Herz sich das Chianti Classico befindet. Als sich mein Weg vor über 20 Jahren erstmals dorthin windete, wusste ich instinktiv, dass dies einer der magischen Orte sein wird, der mich die nächsten Lebensjahrzehnte begleiten wird.

 

Der Weiler besteht vielleicht aus etwas mehr als zwei handvoll richtiger Häuser. Dieses jahrhundertealte wehrhafte Ensemble formt das Toskana-Gefühl. Oben angekommen, denkt man erstmals, man sei verloren. Doch erwarten einen auf der wunderschönen Piazza zwei Restaurants, ein Bäcker, ein Hotel sowie eine Enoteca. Ein paar Antipasti, je ein Primi und Secondi sowie eine Flasche Wein später, wird bei jedem auf dem vom Pflastersteinen gesäumten Platz, der Sinn des Lebens gekonnt abgerundet.

 

Beim Wein sollte man sich eine Flasche des Weinguts gönnen, das den Namen des Dörfchens trägt: Castello di Volpaia. Egal ob es ein einfacher Chianti, ein Riserva, Gran Selezione oder der vielgeschmähte Supertoskaner ist. Stets empfand ich bisher die Weine als in etwa das Beste was das Chianti und die Toskana zu bieten haben, um das erwähnte Lebensgefühl noch etwas mehr in die Länge und Breite zu portieren.

Nach dem allgemein eher schwächeren 2014er Jahrgang folgte – wie ich nun im Glas finde – ein sensationeller 2015er. Spezifisch meine ich damit den Chianti Classico Riserva von Volpaia. Doch auch ganz generell geriet der ganannte Sonnenumlauf, als der letzte normale amerikanische Präsident sein 7. Amtsjahr abspuhlte, zu den ausserordentlich guten in der Toskana.

 

Die Trauben für den Riserva wachsen gleich unterhalb des Dorfes. In der Nase ist der Wein beim ersten Schnuppern ungemein edel und fast schon Bonbon-artig geraten. Doch, die Oppulenz ist nur der erste Eindruck, der sich nach Belüftung zusammen mit animalisch-stalligen Noten komplett verzieht. Was danach kommt, ist ein majästätisches Feuerwerk an dunklen und dichten Aromen nach Amarenakirschen, Sandelholz und Tomatenstauden, die in der Sommerhitze angenehm ihr Bukett verströmen.

 

Am Gaumen ballert der Riserva mit samtig gefühlvollen Salven um sich. Alles ist in kuschelweiche Seide eingehüllt. Dies ist bei mir üblicherweise etwas, dass sofort für Langeweile sorgt. Hier aber keinesfalls. Der Volpaia Chianti Classico Riserva 2015 ist ein Freudenstück an önologischer Fülle, Dichte, Rafinesse und Nachhaltigkeit, dass ich ihn wahrlich zu den besten aller Chianti Classico in meinem Leben zähle. Am Gaumen erfreut leicht süsslicher Balsamico, Kaffee, frisch gepflückte wilde Heidelbeeren und ein Hauch von Kokosnuss des Geniessers Herz. Die Struktur ist gleichzeitig kraftvoll und definiert. Mit seinen toll polierten Tanninen und der wunderbaren Säure bewegt er sich gefühlvoll zwischen Fitnesscenter und Balletschule.

 

Man sollte sparsam mit persönlichen Höchstnoten umgehen. Hier wäre das Fahren mit angezogener Handbremse jedoch ein Zeichen von Kleingeistigkeit. Derzeit ist dieser Wein – trotz seiner Jugend – nahe an der Perfektion. Er stolziert gekonnt zwischen messerscharfem und präzisem Sangiovese aus kühleren sowie höheren Gefilden und kräftigen Maremma-Edelmännern. Seine Genusspasshöhe dürfte er frühestens in ein paar Jahren erreichen und dann eine halbe Ewigkeit mit sich rumtragen. Ein wahrer Suchtstoff von grosser Güte.

 

PS: Dass Wine Spectator diesen Wein als Drittbesten des Jahrgangs 2018 einstuft, ist absolut nachvollziehbar. Leider brachte dies den Umstand mit sich, dass der Wein praktisch überall ausverkauft ist. Nachdem ich ihn am «Ende der Welt» doch noch fand, mussten die letzten drei Kisten dran glauben…



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