Bewertungen 2018

Weinfreunde und weinfanatic geniessen immer wieder einen guten Tropfen. Hier finden sich die dazugehörigen Notizen.



«FAUSTINA. UNA FURIA ORALE»

Villa Caviciana, Faustina, 2010

 

Weinverkostung: 9. Mai 2018

Herkunft: Italien, Lazio

 

N: Würzig, nobel, Sauerkirschen, Eukalyptus

G: Seidiges Tannin, spektakuläre Säure, extreme Länge

WF: 9.5|10.0 [FF...Feuer frei]

 

Bezugsquelle: Baur au Lac Vins CH | Villa Caviciana DE

Preis: CHF 39.- | € 33.-

Kommentar: Für jene, die bei mir jeweils mitlesen, wird Villa Caviciana womöglich als eine erotische Erfahrung in Erinnerung geblieben sein. Denn der Wein «Elenora» versetzte mich vor rund einem Jahr in wahre Extase. Der Tropfen war so wunderschön geraten, knisterte vor unglaublicher Attraktivität und Lebendigkeit, dass ich mich letztendlich in den Wein «quasi verliebte». Damals endete die Verkostungsnotiz damit, dass ich sehr gespannt sei, wie denn «Faustina» – the 1st Sis – wohl sein werde. Es schien mir letzlich fast etwas gewagt zu hoffen, dass da noch eine Steigerung drinliegen könnte. Ich irrte mich.

 

Heute steht also «Faustina» da. Ohne gross zu überlegen, habe ich sie mir geschnappt. Das Essen dazu? Im Nachhinein – eher unwürdig. Aber man weiss ja auch oft nicht, was einen bei einem Blinddate erwartet…

«Faustina» ist von der ersten Sekunde an betörend. Kaum ist der Knoten gelöst bzw. der Korken raus, kann man sich ihrer Ausstrahlung kaum entziehen. Sogar das [zugegeben: abgewöhnungsbedürftige] erste Schnuppern an der Flasche liess mich die Augenbrauchen hochziehen und in froher Erwartung noch ein halbes Dutzend Mal an der Pulle riechen. Wow, wie geil.

 

In der Nase ist es die ungeheuer breite und vielschichtige Würzigkeit die einen zuerst beeindruckt. Sofort riecht man bei «Faustina» die Noblesse. Sehr feines und irgendwie erotisch anmutendes Sauerkirscharoma stellt sich ein. Auffallend ist danach ebenfalls eine dezente Kühle, die wie in der Hand zerriebene Eukalyptusblätter in die Nase steigt. Am Gaumen ist das Tannin spürbar, doch sehr seidig. Edler Tabak, Graphit und im Abgang Schwarztee sorgen für ein einmaliges orales Erlebnis. Die Säure ist in Verbindung mit dem Tannin spektakulär «à point». Der Abgang ist dramaturgisch gesehen wie der Film «Titanic»: Irgendwann in der ersten Hälfte der Spielzeit fängt der Kahn an zu sinken. Das zieht sich dann während zwei Stunden hin. Etwa so… Unglaublich laaaaang. Trotzdem nie langweilig.

 

Als Fazit und Notiz an mich selbst, vermerke ich zur «Faustina 2010» folgendes: Dieser Wein ist in den letzten 12 Monaten mit das Beste was ich trinken durfte [es waren ganz und gar unglaublich gute Tropfen darunter…]. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen Wein getrunken habe und sich bei mir bereits nach den ersten 15 Sekunden der Bestellreflex in diesem Ausmass zeigte. «Faustina 2010» ist einfach grandios.

 

Nachtrag: Leider ist 2010 ausgetrunken. So musste eine Flasche des Jahrgangs 2012 als Beweis für die Stetigkeit herhalten. Dabei stellte sich heraus, dass 2012 durchaus ein guter Wein ist. Doch da ist die Vermählung zwischen Sangiovese und Tannat nicht ganz so gelungen. Tannat ist mit seinem kräftigen Tannin deutlich bemerkbar [WF: 8.0|10.0 – gut].



«DEN MUTIGEN GEHÖRT DIE WELT»

Weinbau Baumgartner, Saõ Luca, 2000

Weinverkostung: 1. Mai 2018

Herkunft: Schweiz, Aargau

 

Kommentar: Es braucht – zugegeben – viel Courage anders als andere zu sein. Doch vielfach wird dieser Mut eben auch belohnt. Lukas Baumgartner hat hier etwas gewagt und bei diesem «Tawny» aus dem Jahr 2000 aus dem beschaulichen Tegerfelden im Kanton Aargau [Schweiz 😉] alles gewonnen. Unglaublicherweise dienen hier Pinot Noir Trauben als Basis.

 

Klar, gespritete Weine muss man mögen. Gerade mit Tawnys habe ich selbst oft Mühe [Alkohol im Vordergrund, Brandigkeit etc.]. Doch der Saõ Luca ist unheimlich filigran. Sein Aromenspektrum ist äusserst ausgeprägt. Am meisten fallen Brotkruste, Honig, Rosinen und Baumnüsse auf. Der Abgang ist so lang, dass man zwangsläufig den nächsten Schluck nimmt – nein: nehmen MUSS –, bevor der vorhergehende überhaupt im Genussschlund entschwunden ist. Das hier ist echt perfektes und ganz grosses Schweizer «Alternativkino».

 

Wem dieser Stil nicht zusagen sollte, der widme sich den Grand Crus von Baumgartner aus den Lagen «Goldwand» oder «Schwändi». Pinot Noir in seiner edelster Ausprägung, mit viel Ruhe und Noblesse versehen.

 

Aus dem sehr guten Jahr 2015 hat er aus seinen besten Fässern eine Pinot Noir Selection gemacht. Diese kommt 2019 auf den Markt. Ich höre schon alle Gantenbeine davonrennen...



«DIE BESTEN DINGE GESCHEHEN ZUFÄLLIG»

Château Bolaire, 2003

 

Weinverkostung: 25. April 2018

Herkunft: Frankreich, Bordeaux

 

N: Tabak, Erde, Unterholz

G: Kaffee, Heidelbeeren, Pflaume

WF: 8.5|10.0 [glückliche Zufälle]

 

Bezugsquelle: Riegger CH | Wein-Bastion DE

Preis: CHF 18.- | €15.-

Kommentar: Es sind wohl gute Voraussetzungen die hier aufeinandertreffen: Ein wenig bekanntes Weingut, ein anfänglicher Jahrhundertjahrgang, kleine Erwartungen und eine lange im Keller vergessene Magnumflasche.

Kurz: Ein zufälliges und spannendes Gemenge.

 

Château Bolaire aus dem Haut-Médoc gehört zu den Weingütern, die ziemlich zuverlässig Jahr für Jahr gute Qualität zu einem für Bordeaux-Verhältnisse bescheidenen Preis produzieren. Die Vinifikation ist modern und der Tropfen dadurch bereits in der Jugend sehr geschmeidig und zugänglich. Zumeist ist das Holz gut spürbar aber auch sehr ordentlich eingebunden und der Wein dadurch mit optimalem Zug ausgestattet.

 

Der Jahrgang 2003 war ein heisses Jahr und wurde zu Beginn bereits als ein Jahrgunderjahrgang [wie so oft...] angepriesen. Mit der Zeit kristalisierte sich heraus, dass es zu warm war und die Weine mit der Zeit teilweise zu breit und marmeladig wurden. Zudem alterten sie rascher als «klassische» Jahrgänge [die irgendwie langsam auszusterben drohen...] oder wahre Jahrhundertkracher.

 

Château Bolaire 2003 aus der Magnumflasche ist in Würde gealtert. In der Nase ganz viel Tabak, schwarze Johanisbeeren, etwas Erde und ein wunderbarer Ton nach regennassem Unterholz. Am Gaumen Heidelbeeren, Kaffee und ein wenig Pflaume. Der Abgang ist ordentlich lang und hat gegen Schluss eine hauchdünne Bitterkeit. Tannine und Säure tanzen im Gleichschritt.

 

Dieser kleine Bordeaux ist wahrlich eine Wucht

und derzeit wohl gerade auf seinem absoluten Höhepunkt.



«ENTDECKT UM ZU BLEIBEN»

San Marcellino, Rocca di Montegrossi, 2010

 

Weinverkostung: 23. März 2018

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Schiefer, Asphalt, Heidelbeere

G: Eukalyptus, kräftiges Tannin, Vanille

WF: 9.5|10.0 [Traumwein!]

 

Bezugsquelle: Carl Studer CH | Vinarium DE

Preis: CHF 37.50 | € 27.50

Kommentar: Es gibt Weine, die man entdeckt und die  einen nicht mehr loslassen. Das ist genau so bei mir und dem San Marcellino von Rocca di Montegrossi. Vor beinahe 20 Jahren wollte uns mal ein guter Barkeeper in Radda in Chianti einen tollen Chianti Classico Riserva hinstellen. Da kam der Wein auf den Tisch. Seither war ich nie in der Toskana ohne mir eine Kiste des Weins - wenn nicht auf dem Weingut selbst - in einer Enoteca zu

sichern.

 

Marco Ricasoli stellt auf diesem Micro-Weingut der adeligen Familie himmlische Gewächse her. Meine Favoriten sind ebendieser Chianti Riserva, der moderne Geremia und der Vin Santo, welcher in der Toskana seinesgleichen sucht. Das Weingut liegt wunderschön an der Flanke eines Hügelzugs unweit des Castello di Brolio gelegen. Doch, damit hat es sich mit dem pompösen Auftritt.

 

Der San Marellino kommt aus der gleichnamigen Einzellage. Dem Sangiovese werden noch zusätzlich etwa 3-5% Pugnitello hinzugefügt. Das ist möglicherweise die kleine Ingredienz, die es ausmacht, um aus diesem Tropfen einen Wein von imenser Grösse zu machen.

 

Obwohl er mittlerweile fast ein Jahrzehnt gelegen und gereift ist, scheint er von der Zeit unberührt. Düster funkelt er im Glas. In der Nase ist man schier überwältigt von einem sehr dichten und dunklem Aromenteppich. Je mehr man schnuppert, desto mehr entdeckt man die Rafinesse in diesem Tropfen. Heidelbeeren, Mokka, Kaffee, dunkle Schokolade,  Zedern, Blutorangen, Teer oder Minze kommen vor.

 

Am Gaumen ein ähnliches Spektrum mit frischen Eukalyptusaromen und Tannenwald. Das Tannin ist nach wie vor kräftig und wahrnehmbar. Doch die Säure hält die Struktur des Tropfens sehr gut beisammen und verleiht ihm eine asketisch-athletische Erscheinung. Der Abgang ist ausserordentlich Lang und am Schluss mit Vanillenoten durchsetzt. Ein Traum von einem Wein.



«HE IS LEGEND!»

Grand Cru, Zlatan Otok, 2008

 

Weinverkostung: 14. März 2018

Herkunft: Kroatien, Dalmatien

 

N: Schwarztee, Hagenbutte, Süssholz

G: Vivide Säure, Schwarzkirschen, kräftiges Tannin

WF: 9.0+ | 10.0 [sehr geil!]

 

Preis: CHF 40.- | DE € 38.-

Bezugsquelle: Vallis Aurea CH | Wein & Co. AT

Kommentar: Vor rund einem Jahr ergab sich für mich die Möglichkeit die neue Generation des legendären Weinguts «Zlatan Otok» von Zlatan Plenković kennenzulernen. Für all jene, die in diesem Zusammenhang das das Wort «legendär» nicht richtig einordnen können: Zlatan Plenković war für den kroatischen Weinbau in etwa gleichbedeutend wie Klaus Peter Keller und Markus Schneider für den deutschen. Jedoch in einer Person! Er vereinte Qualitätsstreben und Weinmacherkunst mit Marketinggespür und dem Wunsch nach internationaler Anerkennung für Weine aus seinem Heimatland.

 

Die neue Generation verkörpern seine Söhne. Marin Plenković und seinen reizende Freundin Romana besuchten an einem kalten Novembertag Zürich und statteten mir einen kurzen Besuch ab. Im Gepäck

hatten die beiden für mich ein paar Flaschen. Darunter ihren «Exclusive», der in seiner Art wohl zu den grössten Weinen Kroatiens gezählt werden kann. Weiter beglückten sie mich mit einer 5-Liter-Spezialabfüllung ihres absolut genialen Weins «Grand Cru» [siehe Bild 😜].

 

Schon unzählige Male habe ich diesen Wein getrunken. Vor Ort in der Marina von Sveta Nedjelja auf Hvar, an Verkostungen, in Restaurants oder ganz einfach – wie heute – in der guten Stube. Noch nie wurde ich enttäuscht! Mit zunehmendem Alter wird der Grand

Cru filigraner, leichter und irgendwie teeig-feiner sowie finessenreicher. Der Jahrgang 2008 weist in der Nase eine tolle Aromatik nach Hagenbutte, Schwarztee und Süssholz auf. Die oft in anderen gereiften Weinen Kroatiens aufkeimende Portnote sucht man hier vergebens. Null. Ganz einfach geiles Nasenpetting!

 

Am Gaumen trotz der zehn Jahre noch vivide Säure. Die Tannine sind nach wie vor kräftig, wirken aber gebügelt. Dadurch kommt der Tropfen weich und bekömmlich rüber. Tee ist hier ein ganz gutes Stichwort. Der Abgang ist sehr lang und ausgedehnt. Der Grand Cru ist saftig und hat noch richtig Schmackes sowie Power. Doch alles ist wohldosiert und -proportioniert. Wie ein Marathonläufer, der weiss wann er die nächste Stufe zünden muss. Ein sehr toller Wein, für den es sich sogar lohnen würde vom Festland rüber nach Hvar zu schwimmen!!



«B2B»

Monfiorato, Dealessi [San Sebastiano], 2011

 

Weinverkostung: 4. März 2018

Herkunft: Italien, Piemont

 

N: Rosenduft, Kohle, kühler Rauch

G: Drahtige Struktur, tolle Balance, Schiefer, Asphalt

WF: 8.5|10.0 [einfach saugut]

 

Preis: unbekannt [vermutlich sehr vernünftig]

Bezugsquelle: ab Weingut

Kommentar: «Nimm den mal und sag mir was Du darüber denkst. Ist für mich ein kleiner Barolo.» Den Tropfen habe ich vor ein paar Monaten von einem befreundeten Menschen bekommen, der die gleiche Passion wie ich teilt: Wein. Wein trinken, geniessen, erfahren, bewerten, benoten, zerreden, erleben und Wein leben. Aus Wein lernt man. In Wein liegt Wahrheit. Ohne jemals mit dem Kollegen explizit darüber gesprochen zu haben, bin ich mir trotzdem ziemlich sicher, dass er auch so denkt.

 

Von Geniesser zu Geniesser kam also dieser Wein zu mir. Nachdem am Tag zuvor bereits ein exzellenter Nebbiolo von Davide und Roberto Voerzio aus demselben Jahr [2011] unsere Gaumen umspülte, war wieder Zeit für etwas aus dem wunderbaren Piemont. Die Region Monferrato stand für mich bisher nie im Fokus. Zu kurz die Zeit und zu zahlreich sowie berühmt waren die

Namen weiter südwestlich. In Richtung Asti, Alba und darüber hinaus.

 

Der vorliegende Tropfen ist ein Wein aus der Traubensorte «Grignolino». Vermutlich geht es den meisten hier wie mir: «Watt denn datt!?». Die Traubensorte wächst zur Hauptsache im Piemont. Hat etwa ein halbes Dutzend weiterer lokaler Namen und wird kleinflächig offenbar selbst in Kalifornien angebaut. Wen wundert’s? Vom Wein habe ich eine ansprechende Trinkigkeit und ein wenig Spass erwartet. Tatsächlich habe ich aber etwas Anderes darin gefunden.

 

In der Nase ein sehr dezentes und schönes Aromabild. Vorherrschend ist erstmal ein umwerfender und gleichzeitig flüchtiger Rosenduft. Es folgen Kohle, kühler Rauch oder kalter Kamin sowie Blutorangennuancen. Ein sehr feingliedriger, durchstrukturierter und eleganter Wein in der Nase. Er erinnert tatsächlich an einen dezenten in die Jahre gekommenen Barolo. Es fehlt ihm ein wenig die nachhaltige «Wucht», aber die Anlagen sind durchaus da.

 

Am Gaumen setzt sich die Drahtigkeit schön durch. Die Struktur ist schlank und präzis. Null Gramm Fett. Ein fucking Yoga-Wein, der die Verrenkungen aus Spass und Freude schon seit Jahrzehnten zu machen scheint. Das Tannin ist da und verrät, dass der Tropfen durchaus noch ein paar Jahre – wenn nicht sogar ein Jahrzehnt – durchhalten und viel Freude machen wird. Aromatisch sind Schiefer, Asphalt und eine Spur Vulkangestein im Hintergrund wahrnehmbar.

 

Der Monfiorato ist ein Wein, der in einer wunderbaren und für mich noch nicht wirklich bekannten Transzendenzwelt lebt. Ich verorte ihn von seiner Wesensart her irgendwo zwischen dem Ruchè [ebenfalls aus dem Piemont aber mit viel mehr Blumigkeit] und den kühlen und zurückhaltenden Nebbiolos aus dem Valtelinna [Veltlin aber mit viel mehr Tannin]. Dieser Tropfen ist ein toller Wein: Zwischen Babe und Beauty.




«DIE WUNDERMACHER»

Keller am See, Sauvignon Blanc, 2016

 

Weinverkostung: 16. Februar 2018

Herkunft: Schweiz, Bielersee

 

N: Reife Zitrone, Gras, Heublumen

G: Stachelbeere, Birne, grüner Apfel

WF: 8.0|10.0 [guuuter SB]

 

Preis: CHF 24.-

Bezugsquelle: Keller am See

Kommentar: Es gibt Weingüter, die bringen Dich in die Spur. Da trinkt man also seit dem zarten Alter des beginnenden Stimmbruchs [quasi] keinen Rosé mehr und kann mit Sauvignon Blanc nicht viel anfangen. Dann besucht man im reifen Alter per Zufall das Weingut

Keller am See und ist geläutert. Christian Dexl und Anja Mathys können offenbar Wunder vollbringen.

 

Als wir im wunderbaren Garten am See, dem Bielersee, gleich neben dem Keller, also dem Weinkeller, sassen und die Weine des jungen Weinguts verkosteten, war für uns alle schnell klar: Der Sauvignon Blanc ist ein besonderer Bursche. Mir gefiel insbesondere der «keinwahrnehmbare-Brennesselduft». Jeder der als Kind mehr als zwei Mal in einen Brenesselbusch gefallen ist, sollte mich verstehen... Noch Fragen?

 

Der Sauvignon Blanc von Christian und Anja ist in der Nase irgendwie «ohrenbetäubend». Ausgeprägte laute Aromen nach reifen Zitronen, grünen Äpfeln, frisch gemähtem Gras und [lustig!] getrockneten Heublumen. Am Gaumen sehr feine doch prickelnde Säure, tolle cremige Viskosität – ohne dass er breit oder burschikos wirkt – sowie Stachelbeeren und Birnensirup. Der Abgang ist relativ lang und begleitet von exotischen Düften. Ein cooler Zechwein.

 

Wäre das Weingut nicht so jung wie es tatsächlich ist [2 Jahre oder so...], wäre man versucht zu glauben, dass hier einer seeeehr lang an der richtigen Formel für einen tollen Sauvignon Blanc vom Bielersee getüftelt hat. Andererseits hat das dynamische Duo Dexl/Mathys aber eine handvoll tolle Winzer in der Nachbarschaft, die sie sich vielleicht zum Vorbild nahmen. Und mit den ersten beiden Jahrgängen bereits gleichzogen. Obach, my friends – da gibt‘s seit kurzen einen KELLER AM SEE!



«FORGET JANUARY»

Um das Januarloch zu füllen braucht es guten Wein und ebensolche Menschen, um ihn gebührend zu vernichten. Also, den Monat Januar und den Wein. Zur sehr schmackhaften Tavolata im Restaurant «Zum Alten Löwen» in Zürich g(en)ossen wir die vier folgenden Tröpfchen blind (ein).

 

FRANK JOHN, RIESLING, 2015

Zu einem mittlerweile guten Bekannten wurde mir dieser Riesling. Letztes Wochenende erst durfte ich zusammen mit Sebastian John [himself!] Fassproben und den neuen Jahrgang 2016 des erwähnten Tropfens verkosten. Es ist ein stiller und feiner Wein. Im Vergleich zu anderen Rieslingen, die in ihrer Jugend quasi mit dem Rasiermesser die Geschmacksknospen bearbeiten, ist dies ein echter Schmeichler. Als würde er derzeit schlafen, offenbart er aktuell lediglich seine feinen Säuren. Die kreidige Mineralität ist zurückhaltend und will gesucht werden. Das Nasenbild verwollständigt ein Schuss grüner Apfel und der Hauch von Weinbergpfirsichen. Am Gaumen folgt dezentes Volumen mit an Kalk und etwas Brotrinde erinnernde Noten. Der Abgang ist von mittlere Länge, sehr konziliant und unheimlich still.
WF: 8.0|10.0 [sleeping beauty]

 

BRUNELLO DI MONTALCINO, PODERE LE RIPI, LUPIE SIRENE, RISERVA, 2008

Nun gut. Sagen wir es, wie es ist: Ich liebe Sangiovese. Ich mag aber keinen Montalcino! Die animalischen Noten, die Stalligkeit von einem komplett überfüllten Tierunterstand und weitere Aromen [die für mich nicht in Wein gehören] hielten mich bisher davon ab, Brunellos in den letzten Jahren auch nur ansatzweise in meine Nähe zu lassen. Heute bekam ich eine der ersten himmlischen Ausnahmen seit langen wieder ins Glas. Der Wein, welcher von der Illy-Familie produziert wird, ist bereits aus nasaler Distanz ein Edelmann. Unglaublich feine, ja fast schon zärtliche Noten nach Flieder, Kirschen und hintergründigem Teer. Am Gaumen, sagenhaft warmes und blank poliertes Tannin. Ein echter Sangiovese-Meister!
WF: 9.0+|10.0 [maestro furioso]

VALDONICA, BACIÒLO, RISERVA, 2012
Letzten Herbst war es mir vergönnt den ersten Valdonica überhaupt zu trinken. Den «einfachen» Saragio des gleichen Jahrgangs. Nach dieser überraschend finessenreichen und irgendwie «pinotesquen» Erfahrung, beschloss ich mir ein Paket der Weine zu beschaffen. Beinahe zwei Monat, ein paar eMails und viele Nerven später, waren sie endlich im Keller. Meine Erwartung zum Riserva war, einen Wein zu verkosten, der eher tänzelnd, elegant und trotzdem tiefspurig sein sollte. Es kam aber anders. In der Nase hätte es für mich zwischen Libanon und Australien alles sein können. Nur keine Toskana. Ganz viele exotische Aromen. Nelken, Zimt, Kardamom, Sternanis und etwas Alkohol. Am Gaumen noch deutlich wahrnehmbarer edler Holzeinsatz und viel Dichte. Schwarzkirsche, Rosinen und Dörrpflaumen. Ein Wein der in frühesten 5 Jahren wieder angefasst werden sollte. Ob er dann «in balance» sein wird, ist derzeit schwer zu sagen.
WF: 8.0|10.0 [young at heart]

 

FONTODI, FLACCIANELLO, 2013
Ein ordentliches Kraftpaket ist dieser 2013er Flaccianello. Vor einem Jahr durfte ich den Wein bereits mal verkosten und empfand ihn nach einer Beatmungsphase von mehreren Stunden als grosses Gaumenkino. Er kam einem Göttergetränk gleich. Heute hatte er es - als quasi frisch dem Barriqueleib entrissenes Baby - nicht einfach. Man könnte hier jetzt ganz viel in ihn reininterpretieren. Fakt ist, dass er unheimlich zugenagelt war. In der Nase gebündelte Teeraromen, schweres Cassis und Brombeeren. Diese nachdrückliche Leichtigkeit die in meiner Erinnerung schlummerte, war nicht auszumachen. Am Gaumen zwar eine mächtige aber gut strukturierte Tanninsäule. Die Säure wiederum lässt erahnen, dass mit ein paar Jahren Alterung [oder ein paar Stunden Belüftung] alle Elemente den richtigen Schmelzpunkt finden werden.

WF: 8.5|10.0 [Potenzial für deutlich mehr]

 

An dieser Stelle ein Dankeschön an die coole Crew des Restaurants «Zum Alten Löwen» und die weiteren Musketiere René, Markus und Lorenzo!



«JOJ – JUDGEMENT OF JOY»

Markus Molitor, Pinot Noir Brauneberger Mandelgraben, 2009

 

Weinverkostung: 31. Januar 2018

Herkunft: Deutschland, Mosel

 

N: Sauerkirsche, Himbeeren, kalter Rauch

G: Schiefer, feurig, schneidende Säure, tolles Tannin

WF: 9.0|10.0 [erregender Wein]

 

Bezugsquelle: Vinexus CH | Lobenbergs DE

Preis: CHF 37.50 | EUR 27.50

Kommentar: «Joj» ist ein Lebensgefühl. Ein Ausruf. Ja, eigentlich eher ein emotionaler und sprachlicher Auswurf, der in drei Buchstaben verpackt ist. Er wird im östlichen adriatischen Raum vielfach benutzt um Erstaunen, Zufriedenheit, Schreck oder aber auch gern um sexuelle Ekstase auszudrücken. Freude und Verzückung also, die sich uns in vielerlei Form im Leben zeigt.

 

Genau dieses mit Seufzen unterlegte Wort entglitt mir, als wir 2015 auf dem wunderschönen Weingut von Markus Molitor ENDLICH den ersten Rotwein von der Mosel im Glas hatten. Nach drei Tagen entweder übersäuertem oder überzuckertem Magen* fanden wir bei Markus die Rettung: Joj, Rotwein! Welch Rotwein!!!

 

Es war uns zu Beginn der Reise an die Mosel nicht ganz

klar, weshalb in einem Weingebiet in dem Millionen Flaschen Rotweine aus Chile, Südafrika, Südamerika, Italien und sonst überall her von Grossabfüllereien auf die Flasche gebracht werden, selbst kein Rotwein produziert wird**. Der Grund ist einfach: Damit die Zicke Pinot Noir an der Mosel reifen kann, braucht sie die besten Lagen. Diese sind aber für die Treppchen, Tröpfchen, Doktoren und Uhren reserviert. Ist der Winzer also Rotweinliebhaber und kein bischen Ökonom, pflanzt er an diesem speziellen Hang – wo sonst allenfalls TBA‘s für mehrere Hundert Euronen pro Flasche produziert werden könnten – Pinot Noir an. Dieser ist dann bestenfalls Durchschnitt im internationalen Vergleich. Joj, welch Zwickmühle!

 

Zum Glück ist dies Markus Molitor Wurscht! Er steht auf Pinot Noir. Und wir standen auf seinen Pinot Noir. So verliessen wir nach der Verkostung das Riesling-Weingut mit Rotwein im Gepäck. Und mit was für welchem! Der Pinot Noir Brauneberger Mandelgraben [ein Stern] aus dem Jahr 2009 ist mein diesjähriger Fastenbrecherwein***. In der Nase ist er in meinen Augen ein wahrer Burgunder. Warme Sauerkirschen paaren sich mit zartem Himbeeraromen und dezent kaltem Rauch. Letzteres liesse sich auch mit Basalt oder Zündholz umschreiben. Am Gaumen sehr angenehmes Tannin. Keinerlei Anzeichen von Reife. Nix. Die Säure ist überraschend «schnittig» und damit auch sehr präsent. Die feurigen Noten kommen im langen Schluck noch etwas ausgeprägter zur Geltung. Viel Würzigkeit, weisse Pfeffernoten sowie Schiefer mischen am Gaumen noch kräftig mit. Wäre ich mir sicher, dass die Säure irgendwann mal ins Equilibrium mit den anderen Elementen kommt, wäre sogar ein halber Punkt mehr drin. So oder so: Der Molitor Brauneberger Mandelgraben 2009 ist ein ekstatisch vibrierender und geiler Wein….Joj!!!!

 

*Anmerkung der Red.: Mosel ist ein geniales Weingebiet. Tolle Weissweine für alle Lebenslagen. Aber eine Rotweinwüste. Joj.

**Wo ist der Connex fragt Ihr Euch? Gibt keinen. Ist das jetzt echt wichtig? Ihr könntest in der Zeit schon weiterlesen...

***Januar-Weinfasten. Gab es das vorher? Nö. Wird es das nochmals geben? Mal sehen…



«DER HILLARY-STEP. EIN SHERPAWEIN»

Cicero, Quinten, 2011

 

Weinverkostung: 12. Januar 2018

Herkunft: Schweiz, St. Gallen

 

N: Erdbeer, Himbeer, kaltes Cheminée

G: Zartes Tannin, schöne Säure, Kirschbonbon

WF: 9.0|10.0 [grossartiger Wein]

Kommentar: Dieser Wein ist quasi das «Leichenmahl» eines Weingutes, dass vor nun zwei Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Beim Ausverkauf des Kellers liess ich mich nicht zwei Mal bitten und habe mir ein paar Dutzend Flaschen und Spezialformate ins eigene Weinreduit gelegt. Das war – selbst im Nachhinein gesehen – ein sehr guter Entscheid.

 

Der vorliegende Wein des Jahrgangs 2011 war damals aufgrund fehlender Verfügbarkeit, nicht bestellbar. Im Oktober 2017 – bei einer «Cicero-

Remider-Verkostung» – bekam ich die Möglichkeit ein paar der Quinten-Jahrgänge zu verkosten. Eine Offenbarung. Doch vor allem der 2011 haute mich richtiggehend um.

 

Die Lage Quinten am Walensee im Kanton St. Gallen [Schweiz] ist in etwa der Hillery-Step des Weinbaus. Man erreicht den Flecken steinigen Landes lediglich zu Fuss, Bike, Boot, Esel oder allenfalls noch mit dem Helikopter. Alles andere ist nicht möglich. Im Rücken hat man den über 2’300 Meter hohen Churfistenkamm. Vorne den wunderschönen blauen See. Mit etwas Glück und Rückenwind kann man direkt vom Rebberg aus den Kopfsprung in den See wagen. Tragen darum wohl alle Erntehelfer einen Fallschirm?

 

Der Quinten 2011 ist ein stiller Wein. Womöglich kommt dies von seiner sonnigen und previligierten Lage. Mit der dreifachen Wärme der Sonne [im Rücken – Fels, klassisch von oben und im Gesicht – See]. Er hat es nicht nötig von Holz geschwängert zu sein. Auch sonstigen Helferlein sind nicht nötig. In der Nase schwingt viel Reife, Süsse und rote – nicht rohe – Kraft mit. Erdbeeren, Himbeeren und und ein Hauch von kaltem Cheminée sind wahrnehmbar. Das süssliche Element gibt ihm – für mich – eine Art Vosne-Romanée-Frucht mit auf dem Weg.

 

Am Gaumen erschliessen sich einem zuerst feine Rauchnuancen. Es folgen zarte und reife Tannine. Anschliessend macht eine feine und lebendige Säure ihre Auffahrt. Der Abgang ist ein hübsches und feines Kirschbonbon.

 

Wuuuah, zum niederknien...



«MAXIMAL, DER MORIC»

Moric, Blaufränkisch, 2011

 

Weinverkostung: 5. Januar 2018

Herkunft: Österreich, Burgenland

 

N: Zigarre, Fleisch, Leder, Sauerkirschen

G: Stall, kräftiges Tannin, viel Säure

WF: 8.0 [gut mit Potenzial]

 

Bezugsquelle: Martel CH | K&U DE

Preis: CHF 19.50 | € 14.50 

Kommentar: Roland Velich ist ein cooler Typ. Wir lernten ihn als humorvollen «Eisenbeisser» vom Eisenberg kennen. Er hat eine klare Vision und Linie, die er verfolgt. Er kümmert sich gerade mal «nullkommanix» um Trends oder Punkte. Es sei denn, es sind fundierte Meinungen und kommen von seinen Kunden. Er weiss sogar bescheid, über wen seine Weine vertrieben und wo genau sie verkauft werden. Denn seine Tropfen seien Premiumprodukte, die über entsprechende Kanäle in die Keller der Geniesser der

Welt gelangen und nicht irgendwo als Restposten verramscht werden sollen. Roland hat Recht!

 

Als wir vor drei Jahren bei ihm in der guten Stube sassen und er, mit der Stimme eines sizilianischen Paten und leicht verkatert von einer «Vorabendverkostung» im grossen Sessel sitzend, über seine Weine, die Weinwelt und das Burgenland dozierte, da wurde uns schnell klar: Der Mann ist kein Schönwetterprophet. Er erzählt von Tiefe, feinen Säuren, burgundischer Ruhe im Wein und seiner Liebe zu einheimischen Sorten. Zu alldem hat er eine klare Meinung und einen haargenauen Plan wie er seine Ziele erreichen wird. Dies alles geschieht mit einem Maximum an Präzision. 

 

Sein einfacher Blaufränkisch aus dem Jahr 2011 ist eigentlich zu jung um bereits geköpft zu werden. Obwohl die Rebsorte – vor allem als Jungwein – nicht zu meinen favoriserten Trauben gehört, entdeckte ich im Burgenland, dass sie nach mindestens 10 Jahren Reife tatsächlich ihre geradezu feindliche Statur ablegt und zu einem richtigen Charmeur mutiert. Der «Moric Blaufränkisch» ist aber noch nicht so weit.

 

In der Nase in erster Linie Zigarre und viel Wildleder. Was nach Überalterung klingt, ist – subjektiv gesehen – die eindeutige Typizität dieser Traubensorte in ihrer Jugend. Im Hintergrund sind Sauerkirschen zu erahnen. Am Gaumen entfalten sich zuerst viele stallige Aromen, rotes Fleisch und Sattel. Der Tropfen wirkt äusserst karg, versprüht deutlich Säure und untermalt das ganz mit kräftigen und ungestümen Tanninen.

 

Der Moric Blaufränkisch 2011 ist noch mindestens 5 Jahre zu jung um genossen zu werden. Danach bin ich aber ziemlich sicher, dass sich daraus ein toller Wein entfalten wird.



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