Bewertungen 2017

Weinfreunde und weinfanatic geniessen immer wieder einen guten Tropfen. Hier finden sich die dazugehörigen Notizen.



«50 SHADES OF PASSION»

Donatsch, Passion, 2011

 

Weinverkostung: 1. Dezember 2017

Herkunft: Schweiz, Graubünden

 

N: Rotbeerig, Harz, feine Staubigkeit

G: Seidig, poliertes Tannin, rauchig, Speck

WF: 8.5|10.0 [sehr gut]

 

Bezugsquelle: Riegger CH | Lobenbergs DE

Preis: CHF 36 | € 59

 

 

 

Martin Donatsch führte uns durch seinen verwinkelten und uralten/modernen Keller im Ochsen in Malans. Ich kann mich noch genau erinnern: Geduldig erklärte er uns seine Art Weine zu machen. Die lässt sich in meiner Erinnerung kurz in «Weniger ist Mehr!» zusammenfassen. Doch, dem Zufall überlässt er nichts. Ein emsiger Winzer ist er. So tut es dem Geniesser förmlich in der Seele weh, ihn bei Eiseskälte die ganze Nacht frierend im mit Kerzen erleuchteten Weinberg zu sehen. Versessen darauf achtend, dass die Jungtriebe nicht erfrieren. Pure Leidenschaft!

 

Sein Premier Cru nennt er dann auch so: «Passion»! Es ist ein gefühlsvoller und emotionaler Wein. Der 2011er war in meiner Erinnerung kein sensationeller Jahrgang. Ganz im Gegenteil zum [wohl] grossen 2009er oder 2015er. Doch damals bei der Verkostung vor Ort, überzeugte mich die Duftigkeit des Tropfens dermassen, dass ich nicht anders konnte, als die Kartons aus dem Ochsen ins bereits überfüllte Auto zu hieven.

 

Dem Wein Zeit zu lassen, war absolut die richtige Entscheidung. Er hat die Aromenbreite der Vergangenheit erhalten. Da ist noch ganz viel duftende rote Beerigkeit in der Nase. Dazu gesellen sich fein ausgeprägte Harztöne die sich mit einer leicht staubigen Mineralität verbinden. Das Nasenbild ist so ausgedehnt, dass sich zwischen den drei genannten Eindrücken irgendwo nochmals jeweils 50 Schattierungen ausmachen lassen.

 

Am Gaumen ist er kompakt, weich und gereift. Das Tannin ist wunderbar rund und schön abgeschmolzen. In der Schluckmitte befindet sich [für Kenner nicht unbekannt] die wohl singulär stärkste Ausprägung: Die Bündner «Rauchbombe»! Es folgt feine Kratzigkeit und eine Spur Speck. Die Säure ist noch spitz und quitschlebendig. Im Abgang folgt viel tänzerische Teeigkeit. Der Passion ist ein wunderbar gereifter Pinot Noir der es bestimmt noch gut 5 Jahre macht!


«DIE SCHÖNHEIT OHNE DAS BIEST»

Poggio Bestiale, Fattoria di Megliano, 2012

 

Weinverkostung: 27. November 2017

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Sauerkirschen, Kohle, Grafit, Sägemehl

G: Schlank, gute Säure, schönes Tannin, feines Leder

WF: 8.5|10.0 [sehr gut - wird besser]

 

Bezugsquelle: Brancaia CH | Lobenbergs DE

Preis: CHF 38 | €25

Kommentar: Der Poggio Bestiale ist einer jener Weine, die bisher noch nie den Weg in mein Glas fanden. Er gehört zu den Tropfen, von denen man immer wieder was liest, die es aber nie auf die letzte «Meile» schafften... Bis heute!

 

Maremma verbindet man [wohl] zumeist mit kräftigen, vollen und voluminösen Brechern. Manche sagen, es sei das Kalifornien von Italien und bringen ab und zu reine Cabernets oder Merlots sowie Cuvées [der genannten Traubensorten] gegen den «Golden State» ins Rennen. Ist bei gewissen Weingütern oder Weinen gar nicht mal so abwegig… Denn sie weisen aufgrund der zumeist warmen Witterung [im Vergleich zum Beispiel zu Chianti] mehr Tannine und auch Alkohol auf. Die Erinnerung an viele verkostete Bolgheri und sonstige Südtoskaner, rief automatisch Kraft, Dichte, Umgestümtheit und eine burschikose Struktur bei mir herauf.

 

Die Fattoria di Magliano ist ein relativ junges Weingut und liegt ebenfalls dort wo die schöne Landschaft der Toscana ins Mittelmeer übergeht. In den nun rund 20 Jahren seines Bestehens konnten sich die Macher der Weine in Kennerkreisen einen klingender Name machen.

Ihr Poggio Bestiale ist ganz anders als die sonstigen mir bekannten Weine südlich von Massa. Der Korken ist bereits stark blutrot durchdrungen. Ungewöhnlich für einen so jungen Jahrgang. Obwohl ich der Farbe eines Weins keine oder nur geringe Bedeutung beimesse, war ich hier dann doch überrascht. Der Kolorit des Lebenssaftes zieht sich dann auch weiter fort. Fast schon unangenehm rot wirkt der Wein im Glas. Dazu ist er klar und sehr durchschimmernd. Dies trotz der fehlenden Filtrierung. Schweizer Merlot hat manchmal diese Farbkombination.

 

Wow... Was ist denn das? Feine rötliche Frucht in der Maremma?! Ohne die Zusammensetzung zu kennen, käme man wohl bald mal auf Sangiovese zu sprechen. Doch weit gefehlt: Merlot, Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon sowie Petit Verdot bilden hier das Quartett, das üblicherweise bei Bordeaux-Blends aus dem Medoc zu finden ist. In der Nase sprüht der Bestiale vor Sauerkirschen. Weiter vervollständigen etwas Kohle, Grafit und ein feiner Ton von Sägemehl das Nasenbild.

 

Am Gaumen ist man immer noch in diesem «Upside Down Modus» drin. Wie die Mädels [Veline!] auf Rai Uno [am Sonntagnachmittag] bewegt sich der Poggio Bestiale auf der Zunge: Tänzelnd, schnittig, wohlproportioniert, gefühlvoll und präzis. Die Struktur

ist dicht. Die Elemente sind sehr gut ausbalanciert: Säure und Tannine sind im Equilibrium [wenn auch derzeit deutlich spürbar]. Trotz der 14 Volumen ist der Alkohol sorgsam ummantelt.

 

Alles deutet darauf hin, das diese Bellissima einfach zu jung ist. In frühestens 5 Jahren dürfte aus diesem heute bereits sehr guten Wein ein richtig geiler Tropfen geworden sein.



«HÖHER, SCHNELLER UND WEITER»

Gregor Kuonen, Pinot Noir Vieux Salquenen, 2009

 

Weinverkostung: 22. November 2017

Herkunft: Schweiz, Wallis

 

N: Erdbeerjoghurt, Himbeerkuchen, Vanille

G: Schwarztee, Blutorange, Rauchspeck

WF: 8.0|10.0 [gut]

 

Bezugsquelle: Ab Weingut

Preis: CHF 25.50

Gregor Kuonen, Pinot Noir Vieux Salquenen, 2009
Gregor Kuonen, Pinot Noir Vieux Salquenen, 2009

Kommentar: Das Weingut Gregor Kuonen ist einer der bedeutendsten Walliser Weinproduzenten. Das Sortiment mit 60 verschiedenen Weinen ist nicht nur für Schweizer Verhältnisse breit

und tief. Dies scheint grundsätzlich und je nach Auslegung eine Stärke oder Schwäche vieler heimischen Produzenten zu sein. Persönlich bin ich eher für Fokussierung und schliesslich Verengung des Angebots. Damit ergebe sich quasi automatisch eine Art «Passionierung» auf die wenigen paar Tropfen die man vinifiziert. Aber eben... die Ökonomie, die Ökonomie...

 

Der Pinot Noir von Gregor Kuonen wurde vor Ort gekauft. Damals gefiel er insbesondere wegen seiner schönen Fülle, Tiefe und Breite. Er war quasi «höher, schneller und weiter» als viele andere damals verkosteten Tropfen. Zeiten und der eigene Geschmack ändern sich. Noch ist er dunkel im Glas. Der Rand ist hingegen fein wässerig und zeigt beginnende Kupfertöne. In der Nase ist er nach wie vor ein mächtiger Wein. Da ist viel vordergründige und präsente Süsse. Erdbeerjoghurt, warmer Himbeerquarkkuchen und Vanille.

 

Am Gaumen setzt sich die prägende konzentriert Fülle fort. Er weckt ganz eindeutige Assoziationen mit Pinot Noirs aus Kalifornien oder allenfalls Washington State. Viel Schwarztee, Blutorange und etwas Rauchigkeit prägen ihn. Die Säure ist präsent und verleiht ihm nach wie vor eine quitschfidele Lebendigkeit. Im langen Abgang wirkt er trotz kühler Trinktemperatur etwas alkoholig. Dies trotz relativ moderaten 13.6 Umdrehungen.

 

Fazit: Ein guter Wein für Geniesser kräftiger und mächtiger Pinot Noir.



«LASS LIEGEN. SONST LIEGT ER DIR NICHT!»

Kerschbaum, Blaufränkisch Dürrau, 2002

 

Weinverkostung: 7. November 2017

Herkunft: Österreich, Burgenland

 

N: Tabak, Waldboden, Pilze, Trüffel

G: Geschmeidigkeit, tolles Tannin, Tees, Rosen

WF: 9.0|10.0 [very geil]

 

Bezugsquelle: Brancaia [CH] | Weinfurore [DE]

Preis: CHF 32.50 | € 22.50

Kommentar: Es gibt Rebsorten, die man über eine längere Zeit hinweg kennenlernen muss, um den richtigen Zugang zu ihnen zu finden. Hat man diese Hürde einmal geschafft, kann man die Weine in allen Altersstadien ganz gut geniessen und sich dabei jeweils ins pure Vergnügen hineintrinken...oder so. Dazu gehört zum Beispiel Nebbiolo, Pinot Noir oder auch Riesling.

 

Blaufränkisch zählt für mich nur bedingt zu diesen Rebsorten. Ich habe sie in heimischen Gefilden zu Dutzenden verkostet. Im Burgenland selbst dann vermutlich weitere hundert davon versucht. Resultat: Nein, das ist irgendwie nichts für mich.

Ausgesprochen vordergründiges Tannin, grasig-grüne Noten oder krautige Aromen verband ich mit dieser Rebsorte.

 

Bis wir während der Burgenland-Weinreise bei Ernst Triebaumer Senior im Weinkeller eine Flasche «Ried Mariental» [wenn ich mich recht erinnere aus dem Jahr 1997] verkosten durften. Wir waren völlig geflashed von der unglaublichen Wandlung die diese Traubensorte offenbar durchmachen kann. Seit diesem Erlebnis weiss ich, dass man Blaufränkisch möglichst aus Flaschen trinken sollte, wo die Vergilbung der Etikette stark fortgeschritten ist. Oder der Wein mindestens 15 Jahre auf dem Buckel hat.

 

Gesagt getan. Der Paul Kerschbaum, Blaufränkisch [Dürrau] aus dem Erntejahr 2002 hat genau jetzt diese Schallgrenze erreicht. Etwa zehn Mal habe ich ihn seit 2009 – als ich ihn geschenkt bekam – in der Hand gewogen, doch mir immer wieder erfolgreich eingeredet, dass es nur eine Enttäuschung gebe, wenn ich den zu jung trinke. Zum Glück! Heute ist diese Wein einfach ein Gedicht.

 

Im Glas ist der Kerschbaum bereits in die ziegelrote Phase eingetreten. Er ist leicht trüb und hat einen relativ breiten wässerigen Rand. In der Nase tatsächlich passend viele tertiäre Aromen wie Tabak, Wildleder, herbstiger Waldboden und ein Anflug von Trüffel. Es ist erstaunlich, wie sehr er mich an einen älteren Bordeaux erinnert.

 

Am Gaumen ist der Tropfen wunderbar weich und geschmeidig. Das Tannin ist nach wie vor präsent, aber unglaublich schön straff. Da sind ganz viel Tee-Aromen die es sich zu ergründen lohnt. Schwarz- und Hagenbuttentee sowie ebenfalls kalter Grüntee. Immer noch leicht ätherisch ist der Kerschbaum. Im Abgang eine äusserst lange Rosenschleppe. Beinahe unendlich. Wow, bin gerade ein wenig verzaubert.



«WINN WINN HURRA…»

Von Winning, Reiterpfad, 2014

 

Weinverkostung: 20. Oktober 2017

Herkunft: Deutschland, Pfalz

 

N: Kalk, warmer Kiesel, Gummi

G: Feine Säure, helle Blüten, Pfirsich, Naktarine

WF: 8.5|10.0 [sehr gut]

 

Bezugsquelle: Gerstl CH | Lobenberg DE

Preis: CHF 22.- | € 15.50

Von Winning, Riesling Reiterpfad, 2014
Von Winning, Riesling Reiterpfad, 2014

Kommentar: Von Winning ist ein Weingut, dem ein Ruf vorauseilt. Zumindest aus der «fernen» doch nur 4 Autostunden nahen Schweiz betrachtet: Ein guter Ruf von bedeutendem Ausmass. Die Rieslinge werden gelobt, gefeiert und beinahe frenetisch hochgehalten. So war es nur völlig normal, dass sich ein Besuch im Herbst 2016 aufdrängte.

 

Keine Anmeldung, Wartezeiten oder sonstigen lästigen Formalitäten muss man als Weinliebhaber über sich ergehen lassen. In einem wunderschönen «Schloss» werden die Weine offen allen Besuchern

präsentiert und hilfsbereit Auskunft gegeben. Es wir einem einiges abverlangt, will man sich durch alle [damals vorhandenen] Tropfen des Sortiments durchverkosten.

 

Das Gros des Angebots machen natürlich die Weissweine bzw. vor allem Rieslinge aus. Doch auch Spätburgunder, welche mich nicht restlos überzeugten, werden produziert. Von Winning war somit auch das einzige besuchte Weingut bei dem ich mir keine Rotweine gekrallt habe. Tempi passati...

 

Im Nachhinein betrachtet, würde ich sagen, dass sich Von Winning eine eher moderne Interpretation der Traubensorte Riesling genehmigt. Was zumindest bei mir durchaus Anklang fand und nach wie vor findet. Abgesehen vom sehr basischen «Drachen» waren alle Rieslinge durchwegs gut bis sehr gut und kaufenswert.

 

Insbesondere überzeugten mich damals der «Kalkofen», das «Ungeheuer» und der «Reiterpfad». Vom Letzteren sei hier die Rede. In meinen Notizen habe ich damals Ausdrücke wie mineralisch, frisch, steinig, voluminös und «Fleisch am Knochen» vermerkt. Heute weiss ich, weshalb ich mir damals ein paar Flaschen davon gegönnt habe.

 

In der Nase viel Finesse und Zurückhaltung. Dann kalkige Noten, warme Kieselsteine und eine Spur Gummi, die mich ein wenig an die Mosel erinnerte. Am Gaumen schönes Volumen, viel Spannung und leichte Cremigkeit. Weiter folgen helle Pfirsiche, Blüten und sonnenwarme Nektarinen. Alles ummantelt von schöner Knackigkeit. Die Säure ist fein dosiert und trotzdem spritzing animierend. Vielleicht bräuchte er noch das eine oder andere Jahr.

 

Hier hat man ganz schön viel Wein zu einem sehr moderaten Preis. Go!



«INTRIGEN: BITTER, BITTER…»

Intrigo, Plozza, kein Jahrgang

 

Weinverkostung: 13. Oktober 2017

Herkunft: Italien/Schweiz

 

N: Erd-/Brombeer, Staub, Rauchspeck

G: Teer, Schwarztee, Hagenbutten, bitter im Abgang

WF: 8.0|10.0 [intrigant!]

 

Bezugsquelle: Ab Weingut

Preis: CHF 39 | €25

Intrigo, Plozza
Intrigo, Plozza

Kommentar: Unter Intrige versteht der Duden Folgendes: «Reihe von hinterhältigen, heimtückischen Machenschaften, mit denen jemand gegen einen anderen arbeitet, seine Pläne o. Ä. zu durchkreuzen, ihm zu schaden sucht». Oder aber: «Absichtlich herbeigeführte Verwicklung, Zuspitzung eines Konflikts in einer literarischen Handlung, besonders in Tragödie und Komödie.» Na, dann!

 

Der Intrigo von Plozza hat also etwas gewollt Hinterhältiges, Falsches, möglicherweise Böswilliges und Absichtliches in sich.

In der Tat hat der Wein alle Zutaten um önologisch Stunk zu verursachen. Die Mischung aus Nebbiolo und Pinot Noir ist wahlweise als die Zusammenkunft zweier Obertussen auf einer Tanzfläche oder ebenfalls zweier Supermacker am Genfer Automobilsalon. Da wird also etwas potenziert...

 

Der Intrigo von Plozza wurde vor ein paar Jahren in Unkenntnis der Jahrgangsangabe erstanden. Die Verschmelzung der beiden genannten Grössen verspricht auf dem Papier viel Potenzial. Doch das war bei Pietro und Sarah auch so. Und dann?! Wer hat's verkackt!? Manchmal gehört etwas eben doch nicht zusammen, obwohl die kosmische Bestimmung klar zu sein scheint.

 

So, genug der Intrige: Der Wein hat eine wunderschöne Farbe. Sie geht leicht ins Braune und Kupfer. In der Nase sind es zuerst pinoastische Erdbeeren die sich in den Vordergrund schieben. Es folgen dann aber dunkle Beeren, Staub und etwas Rauchspeck. Ersteres und Letzteres verbinde ich eindeutig mit dem Pinotanteil aus dem Bündnerland. Die eher dunklen, staubigen und teerigen Noten gehören eindeutig ins Veltlin woher der Nebbiolo stammt.

 

Am Gaumen kommt dem Nebbiolo die grössere Bedeutung zu. Vor allem Teer, Schwarztee und Hagenbutten machen die Musik. Das Tannin ist präsent und geschwungen mit einer kurzen Spitze. Die Säure konserviert ihn gut. Vermutlich hält diese noch für drei bis fünf Jahre. Wie alt der Tropfen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, da nichts auf der Flasche/Etikette steht.

 

Fazit: Wie bei der einen oder anderen Intrige gibt es Sieger und Verlierer. Manchmal gibt es auch nur Letzteres. Im Fall des Intrigo gibt es keinen klaren Favoriten. Doch wie immer in einer Intrige, bleibt ein leicht bitterer Nachgeschmack...



«ES WAR MAL: EIN WEINHORN...»

Ein Mittagessen. Mitten in Zürich | Weinkommentar: 30. September 2017

 

Ein Anlass der es in sich hatte. Das Weinthema war:

 

1. Reinsortig

2. Internationale Weinexperten würden diese Weine als die Topvertreter oder Spitze der Traubensorte nennen

 

Na dann... Die Weine wurden blind verkostet. Zwei 'Piraten' und ein 'Nachzügler' fanden ebenfalls ihren Weg in die kleine aber feine Herde. Es wurde geschluckt. Jedoch erst richtig, nachdem alle Tropfen ein Mal verkostet waren. Hier ein paar Eindrücke eines gleichzeitig überlangen wie auch extrem kurzweiligen und lustigen Mittagessens - das uns alle glücklich gemacht hat!

 

FRANK JOHN, RIESLING BRUT '32', 2013 (Pirat 1)

Ein unglaublich schöner Brut aus der Traubensorte Riesling. In der Nase herrscht entsprechend unendliche Mineralität und viel mehr als das übliche Aromenspektrum nach Brioche, Brotkruste und dergleichen. Wunderschöne Perlage, weich, tief und ausgewogen. Aus Bordeaux-Gläsern getrunken, gab es noch mehr Genuss...

WF: 9.0|10.0 [einfach ein geiler Sprudler]

 

TEMENT, ZIEREGG, SAUVIGNON BLANC, 2011

Blind habe ich diesen ungewöhnlichen Sauvignon Blanc ins Elsass und als Riesling verortet. Unglaublich mineralisch mit viel Feuerwerksaromen in der Nase und am Gaumen. Rückblickend betrachtet, kann ich die bei mir bisher in Verbindung mit Sauvignon abgespeicherten Oberstübchennotizen, immer noch nicht ausmachen. Ein krasser Wein der wohl noch für Jahrzehnte Freude machen wird. Ich hoffe nun inständig diese Zieregg-Kiste zu ergattern...

WF: 9.0|10.0 [es kracht im Mund!]

 

PICHLER, GRÜNER VELTLINER, SMARAGD, 2001

Dunkel, goldig schimmernd und irgendwie zäh im Glas. In der Nase das pure 'Heavy Petting'. Nein, das ist eindeutig kein Chardonnay. Nein, er ist trocken. Auch wenn er fein nach Boytritis riecht. Nein, es ist kein Bordeaux Blanc auch wenn er eine Spur Sémillon in sich trägt. Mundfüllend, vibrierend, extrem lang anhaltend und schwer fassbar. Ein Grüner Veltliner - bin sprachlos!

WF: 9.5|10.0 [österreichische Grossmachtfantasie!]

 

HERMITAGE, DOMAINE JEAN-LOUIS CHAVE, 2008

Der einzige Wein bei dem wir Unwissenden am Tisch schwer verloren waren. Für mich persönlich war da ganz viel Italien im Glas. Je länger es dauerte, desto mehr war ich überzeugt, dass ein Sangiovese aus der Toskana vor mir steht. Ein erlesener Jahrgang eines Flaccianello, Cepparello oder dergleichen. Auf einen Syrah wäre ich im Traum nicht gekommen. Die Traubensorte bei der stets meine Alarmglocken läuten.

WF: 9.5|10.0 [grandioser Wein!]

 

VOGELSANG, GROMANN & SÖHNE, 2011 (Pirat 2)

Relativ einfach zu erahnender Pinot Noir. Die Nase ein wenig rauchig. Viel Erd- und Himbeeren. Wirkt jugendlich und frisch. Am Gaumen straff und knackig. Typ: Usain Bolt. Irgendwie kam mir der Wein sehr bekannt vor. Dieser karge und gleichzeitig athletische Körper. Ich tippte mal auf den am Bielersee entstandenen 'Vogelsang'. Thomas und Keila Gromann [die Produzenten], die mit am Tisch sassen, liessen sich nichts anmerken. Sehr toller Wein der noch mindestens 5 Jahre braucht um seine wahre Grösse zeigen zu können.

WF: 9.0+|10.0 [ein Schweizer Pinot-Überflieger!]

 

LAMAREIN, JOSEPHUS MAYR, 2006

Ein ungewöhnlicher Wein. Im Glas so dunkel als befinde man sich mit Kerze in einer Kuh. Unglaublich dicht gewoben und verschlossen in der Nase. Viele dunkle Früchte, etwas Kohle und Graphit vernimmt man nach langem Schnuppern. Zuerst liess ich mich dazu verleiten an Spanien zu denken. Zwangsläufig wäre man hier bei einem 100% Tempranillo. Ein Unico? Kann ja nicht sein. Die feine Süsse stimmte? Aber der Rest? Am Gaumen vital und crispy. Am Tisch kam dann tatsächlich die Lamarein-Vermutung auf. Doch dazu hatte der Wein zu wenig von der vermeintlichen Power eines nach Amarone-Style produzierten Tropfens. Da war viel Geschmeidigkeit und Noblesse

am Gaumen. Wunderschöner Abgang. Das wäre nun also schon der zweite trinkbare Lagrein: "Ich seich in Ofe!" 😉

WF: 8.5|10.0 [ausgezeichneter Wein - braucht noch Zeit!]

 

DOMAIN DE LA ROMMANÉE CONTI, LA TÂCHE, 2006

Der La Tâche wurde richtigerweise nach dem Vogelsang und vor dem Lamarein ausgeschenkt und verkostet. Warum erzähl ich am Schluss von dem? Nun, egal was man davor oder auch danach trank - es wurde schlichtweg vom DRC 'ausradiert'. Blind erkannte ich sofort die erhabene Noblesse eines Burgunders. Nach dem zweiten und dritten Schlückchen offenbarte sich, dass im Glas wahrlich was Grosses sein musste. Wir degustierten zurück und dann wieder nach vorne. Immer das gleiche Resultat: Ein mentales Ctrl|Alt|Del. Verrückt! Selbst nach dem Lamarein pulverisierte der nochmalige Schluck des La Tâche jegliche Spur was vom vorhergehenden Wein sich im Mundraum befand. Irgendwie blankes Entsetzen und bares Erstaunen zugleich. Sowas Geiles sieht und trinkt man nicht alle Tage. Eine technische Verkostungsnotiz macht hier keinen Sinn. Der Wein ist pure Emotion. Sowohl blind wie auch nachdem das Kleidchen gelüftet wurde. Er ist etwas dunkler und nicht ganz so brillant im Glas wie man es erwarten würde. Natürlich hat er Erd- und Himbeeraromen. Er ist der pure mehrschichtige Nasenorgasmus. Am Gaumen ist er eine Supernova, die alles um sich herum ausradiert. Auf Null stellt. Es gibt nur diesen einen Wein.

WF: 10.0|10.0 [Ganz klar: EIN WEINHORN!!!]

 

FRA DI NOI, LE CINCOLE, 2011

Der Nachzügler. Weinfreunde kennen das Problem : Man sitzt zusammen, trinkt und isst gut, hat eigentlich schon genug und dann - KOMM, EINEN NEHMEN WIR NOCH! So war es dann mit dem Fra Di Noi. Auch so ein 'Weinhorn' das man sehr selten sieht. Den Tropfen kriegt man in ein paar sehr guten und ausgewählten Restaurants Zürichs. Ein Wein der insofern nicht in die Reihe passte, da er ein Cuvée ist. Sonst aber ein herrlicher Tropfen aus der Toscana der es gegen viele [vermeintlich] grosse Weine aus der Region aufnehmen kann.

WF: 8.5|10.0 [Unter uns? Der Fra Di Noi ist sehr geil!!]

 

FAZIT

Vor einer Woche durfte ich in Bayern einer aussergewöhnlichen Weinverkostung beiwohnen. Dabei kamen einige auch ältere Weine zum Zug. Die grösste Erkenntnis des Abends war: Terroir killt Traubensorte! Mit der Zeit bzw. dem Älterwerden des Weins kommt zwangsläufig das Terroir in den Vordergrund. Die Traubensorte rutscht komplett in den Hintergrund.

 

Die gestrige Degustation war extrem hochkarätig besetzt. Quasi die absolute Spitze der Traubensorten Sauvignon Blanc, Grüner Veltliner, Syrah, Pinot Noir und Lagrein. Auf dieser Spitze löst sich nicht nur die Traubensorte auf. Auch das Terroir wird irgendwie sekundär. Die Weine vaporisierten alles was man allgemein über das jeweilige Terroir und die Traubensorte gespeichert hat. Sie stehen für sich und wirken zeit- und uferlos. Sie können alles und sind teilweise fast nicht zu erklären. Wie eine Herde [W]Einhörner.

 

PS1: Danke Thomas und Keila!

PS2: Nochmals – Danke Thomas und Keila!

PS3: Danke Markus für die Gesellschaft!

PS4: Danke Andrea Giancane und Team für das exzellente Essen im Restaurant Santo Zurigo!

PS5: Heute am 'Tag danach' hatte mein Morgenurin immer noch WF: 9.0|10.0 Punkte!

PS6: Habe bis am Abend nix gegessen. Ich wollte nicht mein DRC-geschwängertes Blut verfälschen 😉

PS7: Schluss!


«IM NAHEN OSTEN IST DAS GUTE NAH»

Burkhardt, Schloss Weinfelden, 2008

 

Weinbewertung: 19. September 2017

Herkunft: Schweiz, Thurgau

 

N: Erdbeeren, Himbeeren, feines Cassis, Eisen

G: Tänzelnde Säure, glattes Tannin, kirschiger Abgang

WF: 9.5 [welch wunderschöner Burgunder!]

 

Bezugsquelle: ab Weingut oder Brancaia

Preis: CHF 39.-

Kommentar: Weingut Burkhardt ist für mich eine tragende Säule. Oder wahlweise ein starkes Fundament des Schweizer Weinbaus im «nahen Osten» bzw. in der Region Bodensee. Dort produzieren eine handvoll [und mehr] Winzer ausserordentlich schöne und wie ich finde, kühle Pinot Noir, die dem Vergleich mit

Burgundern gut standhalten würden.

 

Mit Burkhardt, Broger, Bachtobel und Wolfer verfügt die Ostschweiz auf kleinster Fläche über vier renommierte und erfolgreiche Produzenten. Die sicherlich grösste Fangemeinde dürfte Bachtobel mit seinen sehr interessanten Weiss- und feinspurigen Rotweinen haben. Zu Broger und Wolfer folgt dann ein andermal mehr. Das Weingut Burkhardt ist ein «Family Business». Seit ein paar Jahren führt Michael das elterliche Weingut und drückt den Weinen seinen Stempel auf. Das macht er – nach zweimaligem Besuch und diversen weiteren Verkostungen der Weine – exzellent.


Der vorliegende Pinot Noir «Schloss Weinfelden» aus dem Jahr 2008 dürfte wohl noch aus der feinen Feder des Vaters stammen. Auf dem Rücketikett steht, dass die Trauben für diesen Wein von burgundischen Pinot Noir Klonen [mit kleinsten Erträgen] hervorgebracht werden. Um es vorwegzunehmen: Ein geniales Stück Wein befindet sich im Glas. Die Bahauptung auf der Rückseite kann [ob wahr oder nicht] voll und ganz nachvollzogen werden.

 

Der Tropfen «Schloss Weinfelden» weist eine feine Trübung auf. In der Nase versprüht dieser beinahe zehnjährige Wein eine wunderschöne und straffe Opulenz nach cremigen Erd- und Himbeeren. Beim Tieferriechen kommt noch feines Cassis und etwas Eisen oder Metall dazu.

 

Am Gaumen fällt zuerst das ausserordentlich glattpolierte Tannin auf. Danach folgt eine weiterhin tänzelnde Säure die dem Wein Verve und Lebendigkeit vermittelt. Der Abgang gestaltet sich minutenlang und ist fast nicht enden wollend. Ein extasischer Nachklang nach Kirschen beendet das Schauspiel. Welch wunderbares Erlebnis!



«EINER DER ÜBER VIELEM STAND»

Domenico Clerico, Barolo, 2011

 

Weinbewertung: 12. August 2017

Herkunft: Italien, Piemont

 

N: Teer, Grafit, Gummi, Rosen

G: Kräftiges [gutes] Tannin, Schwarztee, langer Abgang

WF: 9.0|10.0 [Barolo, ach Barolo - ausgezeichnet]

 

Bezugsquelle: Caratello CH | Superiore DE

Preis: CHF 46.- | € 35.50

Kommentar: Domenico Clerico war nicht einfach ein Mann. Er war ein Ergründer, Entdecker, Querkopf und nicht zuletzt einfach ein neugieriger Mensch. Leider weilt er seit ein paar Wochen nicht mehr unter uns. Jetzt wird er sich wohl mit Bacchus über dies oder jenes unterhalten, das er 'angestellt' oder eben 'sein gelassen'  hat. Seine Bilanz an der Pforte zum Wein-

Walhalla dürfte durchwegs positiv ausfallen. Hat er doch zu Lebzeiten viel bewegt und ist sich trotzdem stets treu geblieben. Ein Modernist, ein Revoluzzer...ein Kleriker, der über den normalen Weinerzeugern stand.

 

Als ich im Frühling 2016 zum ersten Mal die Pforten seine Weinguts durchschreite, erfüllt mich ein Schaudern und Ehrfurcht. Einem UFO gleicht die scheinbar leichtgewichtige Konstruktion, die in einen Hang der Langhe - nahe Monforte - verbaut ist. Der Blick von der Terrasse reicht weit ins Land. Über Rebberge, Hügel, Weingüter und hinüber zu anderen Pilgerorten des guten Weins und des vollendeten Geschmacks. Sein Piemont, mein Piemont. Man merkt, dass dieser Mann, der dies erschaffen hat, ein Visionär sein muss, sein gewesen muss. Zu seinen Weinen gibt es viel zu sagen. Doch alles blüht zu seiner Zeit und wird Frucht zu seiner Stunde... Heute wird zu Ehren dieses grossen Weinkünstlers sein 'einfacher' Barolo 2011 entkorkt. 

 

In der Nase zeigt der - seit nun 12 Stunden dekantierte - Tropfen schon mal ganz eindeutig seine Herkunft: Schwarztee, Teer, Grafit und warmer Gummi. Ein wunderschönes und stimmiges Konzert von finessenreichen Aromen. Diese Ruhe und trotzdem Kraft bringt nur das Piemont hin. Am Gaumen ist er zuerst ganz weich bevor er eine Tanninsalve auf die Geschmacksknospen abfeuert. Doch es ist gutes und reifes Tannin, dass einfach noch ein paar Jahre benötigt um etwas geschmeidiger zu werden. Es folgt ein unheimich langer teeiger [Schwarztee] Abgang der ebenfall ein feines Trüffelaroma in sich trägt.

 

Es ist ein Jammer, dass Domenico nicht mehr unter uns weilt. Doch er hat viel hinterlassen. Nicht nur ein Weingut und feinste Tropfen. Nein, er hinterliess in jedem von uns eine Art 'Piemont-Heimweh' nachdem man mal einen seiner Weine getrunken hat…



«VON ORANGEN UND PIRATEN»The Orange Republic, Casa Rojo, 2014

 

Weinverkostung: 10. August 2017

Herkunft: Spanien, Valdeorras

 

N: Zitrone, Orangenschalen, feiner Rauch

G: Schöne Säure, Limetten, cremig, feine Perlage

WF: 8.0 [gut für einen Einäugigen]

 

Bezugsquelle:  Terravigna CH | Gourmondo DE

Preis: CHF 24.60 | € 18.90

Kommentar: The Orange Republic ist KEIN Orangewein. Der Tropfen stammt aus dem 'Weinverbund' Casa Rojo. 17 [selbst durchgezählt] Winzer|innen aus 9 Weinregionen Spaniens tun ihr Bestes, um Konsumenten davon zu überzeugen, dass nicht jeder Supermarktwein von der iberischen

Halbinsel klassisch nach nassen Reitsocken oder  unreifen Zitronen schmecken muss [klassischer Billig-Rioja im Netzchen oder wässeriger Weisswein]. Das Gegenteil also.

 

Die Weine von Casa Rojo sind durchwegs modern gestylt, haben witzige Etiketten, geben sich geschmacklich einem locker-jungen Publikum hin und werden entsprechend auch professionell sowie gezielt in diesem Kundensegment vermarktet. Degustationsboxen der kurligen Preziosen verkaufen sich - wie man hört - wie warme Semmeln|Weggli [im Fall!]. Zwischen Lippen, Zähne, Zunge und Gaumen kamen mir bisher Macho Man, Alexander vs. The Ham Factory, El Gordo del Circo, The Invisible Man und der Moltó Negre. Alle korrekt, ansprechend und auf den Zeitgeist getrimmt.

 

Der heutige Weisswein 'The Orange Republic' aus der Region Valdeorras macht da keine Ausnahme. Er eignet sich vorzüglich um ihn bei hohen Temperaturen geradewegs und ohne lange Umschweife seiner Bestimmung zuzuführen. In der Nase viel Zitrusfrucht und etwas kalter Rauch. Lustigerweise ebenfalls Orangen- und Mandarinenschalen. Ob eingebildet oder nicht, sei dahingestellt. Der Rebberg aus dem der Wein stammt, sei von unzähligen Orangenbäumen umgeben. Am Gaumen machen zuerst frisch geschnittene Limetten auf sich aufmerksam. Die Säure ist sehr lebendig und schön. Trotzdem hat er auch eine gewisse Cremigkeit. Kurz vor dem Schluck weist er eine leichte Perlage auf. Diese, wie auch die feine Bitternote im Angang, geben ihm einen weiteren Frischeschub.

 

Insgesamt kann man ohne Übertreibung sagen, dass die Mädels und Jungs von Casa Rojo mit ihren Produkten/Weinen die Formel für Wein-Beginner ganz gut gefunden haben. Spannend sind die Tropfen allemal.



«DER DIVIDENDENWEIN»

Domaine de Ravoire, 2006

 

Weinbewertung: 25. Juli 2017

Herkunft: Schweiz, Wallis

 

N: Trockenfeigen, gereift, leicht alkoholisch

G: Grünerstich, Pfeffer, viel Säure, wenig

Balance

WF: 7.5 [low Dividend-Yield]

 

Preis: CHF 43.-

Bezugsquelle: Ab Weingut

Domaine de Ravoire, 2006
Domaine de Ravoire, 2006

Kommentar: Dieser Wein ist eine schöne Idee. Zur Hälfte gehört die Domaine de Ravoire einer Schar von Aktionären. Die andere Hälfte ist im Besitz der weit verzweigten Mathier-Familie aus Salgesch [Wallis]. Die Eigentümer bestimmen zusammen die Machart und viele weitere Aspekte des Weins. Mitbesitzer zu werden ist nicht ganz einfach. Einerseits besteht eine finanzielle Hürde. Andererseits gibt es eine stattliche Warteliste. Mitsprache bedarf also Geld und Geduld.

Die eine Frage schwebt bei diesem Konzept immer etwas im Raum: Verderben zu viele Köche nicht den berühmten Brei? Oder in diesem Fall den Wein! Unsere Geschmäcker und Vorlieben sind so individuell, dass selbst bei einer 6er Gruppe die Stilfindung zu einem echtem Problem und einer eigentlichen Freundschaftsfrage ausarten kann. Da spreche ich aus eigener Erfahrung... Die Domaine de Ravoire kam bei uns vor erwa 5 Jahren aufs Radar. Bei einer Weinreise ins schöne Wallis wurden uns beim Besuch von Albert Mathier die beiden Weine vorgestellt [weiss und rot]. Vor allem der Weisswein hatte es uns trotz [oder gerade deswegen?!] seiner Oppulenz damals ausserordentlich angetan. Der Rotwein spaltete die Geister: Merlot, Syrah, Cabernet Franc und Pinot Noir. Fehlt nicht viel und man hätte einen Schweizer «C9dP».

 

Der heutige Domaine de Ravoire, Rouge, 2006 ist ein überreifer Wein. Womöglich wegen des Alters wurde er mit einem Abschlag von 50% beim Händler angepriesen. Entweder hing er dort wie Blei in den Regalen oder er war durch, war die These beim Kauf. Da hilft nichst, ausser: Flasche auf! Der Korken sah gut getränkt aus. Schnupper-Schnupper... Na, der ist gut!

 

In der Nase leichte Altersnoten nach Herbst und etwas Erde. Dann schickt der Tropfen noch Feigen hinten nach. Am Gaumen feiner Alkoholeinschlag und Säure im Überfluss. Dazu – zu meinem Leidwesen – viel Pfeffer und ein grüner Stich den man viel in jungen Blaufränkisch wahrnimmt. Der Wein wirkt insgesamt etwas ungestühm und lässt den Geniesser mit einem Gefühl von Unbalanciertheit zurück. Das aber bereits inmitten des ersten Glases.

 

So schön das Projekt auch klingt, ganz zu überzeugen vermag es nicht. Beim Weisswein scheint sich das Investment zu lohnen. Was man beim Rotwein nicht behaupten kann. Da wollte man wohl etwas zu viel, sodass die Dividendenrendite an Aktionäre [in Form von ein paar Weinflaschen] eher etwas unterdurchschnittlich scheint.



«VON STEIN UND WEIN»

Jako Vino, Stina Majstor, 2011

 

Weinbewertung: 1. August 2017

Herkunft: Kroatien, Dalmatien


N: Reife dunkle Pflaumen, Feigen, Schwarztee, Grafit

G: Samtige Kellernote, Hagenbutte, Baccararosen, kräftiges Tannin und Säure

WF: 9.0|10.0 [geil!]

 

Preis: CHF 38.- | € 27.-

Bezugsquelle: Vallis Aurea CH | Jadrovino DE

Kommentar: Das Weingut Jako Vino begleitet einen in Dalmatien beinahe auf Schritt und Tritt. Noch vor gar nicht langer Zeit wurde in dem Gebäude, in dem heute mit Style moderne Tropfen hergestellt, verkostet und verkauft werden, kleine Mengen genossenschaftlich organisierten und entsprechend einfachen Weins produziert. Um gena zu sein, in Bol auf der kroatischen Insel Brač.

Das Eiland wiegt sich wie der Buckel eines Blauwals vor der Küste von Split. Als ob er dem 2000 Jahre alten Deokletianpalast seine Reverenz erweisen möchte. Die Insel ist hauptsächlich dafür bekannt guten Pošip-Weisswein zu produzieren und mit seinem Marmor die lokalen, nationalen und sogar internationalen Herrenhäuser auszustatten. Während Donald Trump unsinnige Twitter-Botschaften von sich gibt, schützt ihn Bračer Marmor vor Regen, Schnee, Wind und Sonne. Auf Schritt und Tritt trifft man auf diesen schönen Fels. Sogar bei unserem heutigen Wein.

 

Stina bedeutet nichts anderes als Fels. Um genau zu sein Bračer Fels und damit weisser Marmor. Die Erikette des Stina erinnert an dieses jarhundertalte Überlebenselexier, dass der Insel und ihren Bewohner erst über die Zeit gewissen Wohlstand brachte. Der nackte Fels also. Die Etikette des Stina ist diesem Stein nachempfunden. Die feine Papierstruktur fühlt sich tatsächlich auch so an, als ob man über einen liebevoll behauenen Marmorstein streichet. So nackt wie der Stein, ist auch der Wein.

 

Entweder man mag ihn oder man lässt ihn stehen. Stina Majstor 2011 ist ein genialer Wein. Allerdings muss man sich auf den Stil und den Tropfen einlassen. Vergleiche soll man einfach mal sein lassen. In der Nase verführen vollreife Pflaumen und Feigen. Aber auch Rosen und Veilchen sowie eingenartigerweise Radiergummi spielen mit. Bereits hier deutet sich ein Kampf zwischen Kraft und Tiefe an.

 

Am Gaumen kommt zuerst eine leicht Alkoholnote in den Vordergrund. Sie wird aber rasch von einer schönen Säure und noch sehr aktivem Tannin ins Abseits gedrängt. Es folgt eine wahre und irgendwie Kühle Explosion teeiger Aromen. Doch auch die typischen Hagenbuttennoten fehlen nicht. Dazu gesellt sich ein feiner und samtiger Kellerton der den Wein mittet und ihm eine ruhige Spur verleiht. Der Nachhall ist gigantisch lang.



«BEI DEM STUHL STEHE ICH LIEBER»

Cigalus, Gérard Bertrand, 2008

 

Weinbewertung: 25. Juli 2017

Herkunft: Frankreich, Longuedoc

 

N: Tabak, Pflaumen, Tannennadeln, Rosinen, feines Leder

G: Kräftiges Tannin, viel Zedernholz, Kraft, Tawny

WF: 8.0|10.0 [gut in der Jugend]

 

Preis: CHF 35.- | € 26.-

Bezugsquelle: Coop CH | Jaques DE 

Kommentar: Ein warmer Wein aus einer ebensolchen Weingegend in Südfrankreich. Als ich den Tropfen vor über fünf Jahren relativ neu verkosten konnte, war dieser unwiederstehlich. Viel Kraft und Saft war da. Noch heute ist er äusserst dunkel, ja fast schwarz im Glas. Er weist eine leichte Trübung und relativ viel Satz auf.

Heute ist dieser Wein, der in die Toplinie eines Massenproduzenten gehört, schön gereift. Er hat im Minimum seinen Peak erreicht, wenn nicht sogar leicht überschritten. Natürlich hat der Gute noch dieses schöne Gewürzbukett südfranzösicher Tropfen. Blind sind in der Nase aber auch deutliche Parallelen zu Amarone zu erahnen. Neben Tabak sind es pflaumige Untertöne die oben drüber von Rosinen und Tannennadeln überdeckt werden. Feine Anklänge braunen Wildleders schliessen das Nasenbild ab.

 

Am Gaumen ist es das nach wie vor kräftige Tannin, das zuerst ins Gewicht fällt. Danach kommt relativ rasch Zedernholz und irgendwie Säure hervor. Mit der Zeit und etwas Abstand öffnete sich der Cigalus ein wenig und machte in der Folge eine deutliche Veränderung durch. Leider wurde er nicht besser. Je länger er offen war, desto mehr kam die «Wärme» und der Alkohol hervor. Gegen Schluss hatte man nicht nur Assoziationen zu den grossen Weinen des Veneto sondern auch zu zu denen des Douro in Portugal. Zu Tawny Ports um genau zu sein.

 

Der Cigalus ist ein gutes Beispiel dafür, dass gewisse Weine – trotz ihrer jugendlichen Pracht – nicht geeignet sind, um zu reifen. Dies vor allem wenn sie kurz nach der Abfüllung, verdeckt durch die oppulente Frucht, bereits ein [mir unentdeckt gebliebenes] Ungleichgewicht der Elemente aufweisen. Wenn nämlich der dreibeinige Stuhl aus Alkohol, Tannin und Säure in der Jugend leicht wackelig ist, fällt dies nicht so ins Gewicht. Doch wehe man lässt den Wein reifen und vergleicht die Längen der drei Beine nochmals später...



«TOTEM – EINE LICHTGESTALT»

Ibizkus Wines, Totem, 2011

 

Weinbewertung: 7. Juli 2017

Herkunft: Spanien, Ibiza

 

N: Minze, feinstes Leder, reife Feigen

G: Schönes Tannin, Pflaumen, Abgang auf Kirschen

WF: 8.5 [sehr gut bis ausgezeichnet]

 

Preis: CHF 43.- | € ~30.-

Bezugsquelle: Gerstl CH | Mövenpick DE 

Totem 2011, Totem Wines
Totem 2011, Totem Wines

Kommentar: Das klingt jetzt sehr «alt«». Aber: Früher war auf den Baleren alles besser. Keine Drews, Katzenbergers, Bohlens und nur die Hälfte der Plastikstühle von heute. Auch damals zwar Plastik, aber immerhin... Dem entgegengesetzt, ist wohl die qualitative Entwicklung der Weine.

Früher lokal oft oder nur als Zugabe für die Sangrias gekeltert, mausern sich die Tropfen mehr und mehr zur absoluten Alternative der Festlandssorgenbrecher.

 

Heute im Glas ein Ibiza-Wein der es echt in sich hat. Wohl der beste Tropfen der Insel. Zumindest hatte ich nie einen besseren im Glas. Es handelt sich um einen reinen Monastrell. Die Farbe ist relativ dunkel. Das weckte zwar sofort gewisse Vorahnungen an einen fetten und ungestühmen spanischen Stier. Auch das erste Riechen entpuppt sich eher unangenehm und verbunden mit ausgedehnten animalischen Noten nach Leder, Stall und den Allerwertesen von Fury. Die eigentliche Erwartung war mehr in Richtung Steine, Teer, Kiesel und dunkle Beeren. Vorerst: Fehlanzeige!

 

Lässt man ihn für eine Stunde mal links liegen, verfliegen all die genannten Assoziationen und es kommt ein neuer Aromenteppich zum Vorschein. Viel Minze und reife Feigen. Aus der Lederhaut ist nun ein ganz feiner Gerbton geworden. Dieser deutet nun eher in Richtung beginnende Reife. Am Gaumen ein herrlicher Spannungsbogen. Rundes und umschliessendes Tannin, dunkles Steibobst, Waldbeeren und etwas heisser Teer. Dazu gesellt sich überraschend viel Tiefe und auch Frische.

 

Sicherlich ist der Totem kein Weichspühlerwein. Zarte Seelen sollten eher einen Nordwestspanier aus Bierzo versuchen. Aber der Totem ist auch keiner, der einen das zweite oder dritte Glas vergessen lässt. Nein. Im Gegenteil: Von dem will man mehr.

 

Zusammen mit ein paar Weingütern der Schwesterinsel Mallorca vollzieht sich seit einiger Zeit nun eine kleine Auferstehung einer selbständigen balearischen Weinkultur. Dazu gibt es im 2. Halbjahr 2017 mehr zu lesen...



«EINE SYRAH-SÜNDE WERT»

Numina, Syrah, 2012

 

Weinbewertung: 2. Juni 2016

Herkunft: Argentinien, Vale de Uco

 

N: Dichte Süsse, kompakte Frucht, dunkelbeerig

G: Edle Hölzer, Eukalyptus, Minze, breite Aromatik

WF: 8.5 [sündig gut]

 

Bezugsquelle: Zweifel CH | Salentein Shop NL

Preis: CHF 32.- | € ~26.-

Bodega Salentein, Numina Syrah, 2012
Bodega Salentein, Numina Syrah, 2012

Kommentar: Ein gewinnender Bursche dieser Numina des bekannten Weinguts Salentine vom Fusse der Anden. Sucht man Filigranität und verspielte Noten ist

man bei ihm wohl an der falschen Adresse. Es ist eher die Aromatik die hier vollends überzeugt und ihn zu dem Schmeichler macht, der er tatsächlich auch ist. Doch fangen wir von vorne an.

 

Unheimlich dunkel ist er im Glas. Fast schon schwarz. Es ist zwar keine Trübung vorhanden aber die Farbe ist satt und vollkommend deckend. In der Nase fällt zuerst die dichtgewobene Süsse auf. Die Fruchteindrücke scheinen äusserst kompakt und bestenfalls erahnbar. Man assoziiert vor allem dunkle Beeren und vollreife Früchte aus der Ecke Schwarzkirsche und Zwetschge. Doch Feigen und zartes Vanille sind ebenfalls da.

 

Am Gaumen fällt zuerst eine Art «Tintigkeit» ins Gewicht. Doch mehr des Geschmacks und weniger des «Gewichts» oder der Viskosität wegen. Hinzu kommen edle Hölzer und eine Spur Tannenzapfen. Aromen nach Eukalyptus und Minze verleihen ihm eine gewisse Frische, die ihn in seiner Gesamtheit ziemlich attraktiv macht. Das Mundgefühl ist voll, druckreich und sehr schön geraten. Die Aromatik und Tanninstruktur ist balanciert und wirkt edel. All in all ein wunderschön GEMACHTER Wein.


Syrah ist nicht jedermanns Sache. Auch nicht die des Schreibenden. Es gibt nur wenige Tropfen denen die penetrante Pfeffrigkeit fehlt und die man damit in die Liga «eine Syrah-Sünde wert» einordnen würde. Dazu gehört auch der Numina 2012. Er ist zwar gemacht...aber eben – sehr schön gemacht!

 

PS: Die Weinregion Mendoza und speziell Valle de Uco ist für eine Weinreise äusserst zu empfehlen!



«JAN ROSENSTOLZ»

Sprecher von Bernegg, Jan Luzi, Calander 2009

 

Weinverkostung: 26. Mai 2017

Herkunft: Schweiz, Graubünden

 

N: Erdbeeren, Himbeeren, Lavendel, Lakritz, Nelke

G: Rosenduft, Lakritz, etwas Nelken

WF: 9.0/10.0 [sehr geil]

 

Bezugsquelle: Gerstl CH | Lobenbergs DE

Preis: CHF 48.- | € 59.-

Kommentar: Jan Luzi gehört eindeutig auf die oberste Ebene der Genuss- und Qualitätspyramide der Bündner Herrschaft. Aussehen tut er wie ein sypathischer Skater im Stile eines Tony Hawk. Seine Attitüde ist mit diesem Gott der vier kleinen harten Rädchen und des Holzbrettchens darauf, irgendwie auch vergleichbar. Er kümmert sich nicht gross um sein drumherum. Jan macht sein Ding und das beste aus den ihm familiär übertragenen Weingärten. Generation «I don't giva a damn!» quasi.

Der Troubleshooter produziert seit dem Jahrgang 2008 Wein. Ganze vier verschiedene Preziosen stellt er in kleinen Mengen her. Sein trockener Completer ist eine Granate. Doch den wahren Könner zeigt Jan in seinen beiden Rotweinen. Sein «Premier Cru» Lindenwingert ist ein schöner gradliniger Bursche mit viel Eleganz und schöner Struktur. Der «Grand Vin» Von Pfaffen/Calander kann es mit allen grossen Rotweinen der Herrschaft aufnehmen. Genau dies beweist sein 2009er sehr eindrücklich. Dabei war dies damals Jan's zweiter Jahrgang!

 

Im Glas zeigt sich helles und ruhiges Kirschrot, das fein ins Braune tendiert. Das wäre es dann aber auch schon mit den Alters-Assoziationen. In der Nase wirkt der 2009er Calander wie ein geschlossener Kreis. Alles ist ausgewogen, balanciert und rund. Da sind ganz viel rote Beeren. Beginnend mit Erdbeeren kuscheln sich zusätzlich noch hintergründige feine Himbeeren hinzu. Dazu kommen noch eine leichte Rosmarinnote und frisch blühender Lavendel. Auffällig ist die Länge mit der sich der Calander in der Nase festsetzt. Lässt man ihn lange genug in der Nase nachhallen, verbleibt ein anhaltendes Waldfruchtteearoma. Zum niederknien.

 

Am Gaumen fällt zuerst eine Art belegende Weichheit auf. Etwas zäh legt sie sich über den Gaumen. Vorerst denkt man, das dies eine behäbige Geschichte werden könnte. Doch bald darauf kickt eine wunderbar frische und schöne Säure den Gaumen. Explosionsartig verteilen sich ausserordentlich viele Rosenaromen im Mundraum. Der Abgang ist unwahrscheinlich lang und dauert gute zwei Minuten. Ein genial filigraner Wein, der noch mindestens 5 wenn nicht sogar 10 Jahre halten wird! Der symathische Winzer beweist schon mit seinem zweiten Jahrgang wohin der Weg führt: Auf Rosen gebettet an die Spitze!



«DAS ANDERE ITALIEN, DAS ANDERE ÖSTERREICH»

J. Hofstätter, Kirchegg Riserva, 2006

 

Weinbewertung: 18. Mai 2017

Herkunft: Italien, Südtirol

 

N: Subtil, grüne Peperoninote, Schokolade, Kaffee

G: Trockene Gewürze, Feigen, Mokka, Pfeiffentabak

WF: 8.5/10.0 [sehr gut]

 

Bezugsquelle: Georg Vogel CH | Superiore DE

Preis:  CHF 21.- | € ~19.-

J. Hofstätter, Kirchegg Riserva, 2006
J. Hofstätter, Kirchegg Riserva, 2006

Kommentar: Ein wunderschöner und überraschend subtiler Wein aus dem Südtirol. Nach nun 10 Jahren Reife wirkt er auf seinem Höhepunkt. Doch alles der Reihe nach.

 

Auf der ersten [kleinen] Hochzeitsreise in 2009 waren wir ziemlich unvorbereitet und ohne grosse önologische Absichten aufgebrochen. Warum auch? Der ganze Stress, grosse Erwartungen, schönes Fest und endlich die Freiheit. Also einfach mal losfahren. Entspannen, gut essen und dazu allenfalls tollen Wein trinken. Doch wie immer auf Reisen, zieht es einen dann doch in das eine

oder andere schöne Weingut. So auch in diesem Fall. Zu J. Hofstätter verschlug es uns.

 

Das Weingut im schmucken Weinort Tramin, ist mit rund 50 Hektar einer der grössten Güter im Südtirol. Jetzt, 7 Jahre später, weiss ich, dass manche Weinkenner J. Hofstätter wahlweise als Gross- oder Industriebetrieb abtun. In diesem Zusammenhang wird auch oft das Wort «Mainstrem» benutzt. Das wussten wir damals alles nicht und es war uns auch egal. So probierten wir alles aus und stellten eine Kiste zusammen. Schon länger sind die meisten Flaschen von damals ausgetrunken. Inklusive den dazugehörigen Glücksgefühlen. Das letzte Übrigbleibsel dieser J. Hofstätter-Kiste ist der «Kirchegg Riserva» 2006.

 

Nach zehn Jahren Reife kommt dieser Wein ziemlich steil und geil daher. Der Merlot dominiert mit rund 80 Prozent Anteil das Geschehen. Der Cabernet bringt noch die fehlenden 20% auf. Trotz dieses Verhältnisses drängt der Cab dem Wein einen gewissen «bordeauxlesquen» Anstrich auf. Keine blassen Schimmer wie der damals in 2009 schmeckte. Er muss aber gefallen haben.

 

Aktuell zeigt der Kirchegg Riserva ein eher blässliches und zartes sowie leicht kupfriges Rot im Glas. In der Nase ist er unheimlich subtil mit sehr eindeutigen Cabernet-Aromen. Blind hätte man zumidest in der Nase das Traubensortenverhältnis eher genau gegenteilig erwartet. Erst am Gaumen offenbart er seine Weichheit. Er wird richtiggehend getragen von Gewürzen, Feigen, Mokka, getrockenten Orangenschalen und Pfeiffentabak. Die Säure, das Tannin und der Alkohol harmonieren wie ein Ehepaar in der ersten Liebesnacht [typischerweise nicht die Hochzeitsnacht ;-)]. Alles ist abgestimmt und greift über- sowie in einander.

 

Ein Wein der noch locker 5 Jahre hätte warten können. Er wäre wohl nicht besser geworden. Aber reifer.



«EINE PRICKELNDE NUMMER»

Cavalleri, Tajardino Curtefranca, 2011

 

Weinbewertung: 3. Mai 2017

Herkunft: Italien, Lombardei [Franciacorta]

 

N: Grüne Pepperoni, dunkles Steinobst, Espresso

G: Süsslich, Tabak, lebendige Säure, Eukalyptus

WF: 8.5/10.0 [sehr gute Leistung]

 

Preis: € ~25.-

Bezugsquelle: Ab Weingut

Cavalleri, Tajardino Curtefranca, 2011
Cavalleri, Tajardino Curtefranca, 2011

Kommentar: Franciacorta ist in etwa die am meisten unterschätzte italienische Region was Rotwein angeht. Dort, wo die Winzer heute versuchen «Champagner» nachzuahmen und dies [subjektiv gesehen] im normalen Preisrahmen sogar noch besser als die Franzosen  hinbekommen, war vor weniger als einem Jahrhundert

noch Anbaugebiet für ehrlichen und bodenständigen Weiss- und Rotwein.

 

Heute entstehen in der Franciacorta im überschaubaren Rahmen stille sowie trockene Weine die von Weinliebhabern keinesfalls links der Autobahn nach Venedig liegen gelassen werden sollten. Jedes der für ihre «Spumanti» bekannten Weinhäuser keltert [so ein bisschen nebenbei] spannende und wahrlich schöne Weiss- und Rotweine. Zur Hauptsache werden internationale Traubensorten wie Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot sowie Pinot Noir angebaut.

 

Der Tropfen im Glas ist der Cavalleri «Tajardino Curtafranca» 2011. Ein Bordeaux-Blend aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Der Wein erinnert – was die schiere Kraft angeht – tatsächlich stark an einen Saint-Émilion. Es handelt sich dabei nicht um einen schmachtenden «Romeo». Im Spiel ist eher Doktor «Eisenfaust». Das Nasenbild ist geprägt von vielen grünen Peperoni, dunklem Steinobst, Tabak und regenfrischem Waldboden. Im Hintergrund tumeln sich noch Grafit und ein Schuss Espresso da Francesco von der Cafè Bar im Bahnhof Bergamo.

 

Am Gaumen paaren sich heftigst süsslicher Tabak und kraftvolles Tannin. Die Säure versucht die beiden Liebenden – einem Schiedsrichter gleich – im Zaum zu halten. Nach dem süsslichen Höhepunkt folgt dann der lange Abgang. Da gibt es ein wenig dunkle Schokolade und als Erfrischung sogar etwas Eukalyptus. Der Tropfen ist bis am Schluss eine tolle und nicht minder prickelnde Nummer…



«URBAN INTERNATIONAL»

Stagård, Riesling Urban R, 2015

 

Weinbewertung: 23. April 2017

Herkunft: Österreich, Niederösterreich

 

N: Zitrone, Grapefruit, etwas Kreide

G: Knackig-zupackende Säure, süss-sauer, viel Frische

WF: 8.0/10.0 [ganz geile Basis]

 

Bezugsquelle: In Meran oder ab Weingut

Preis: €9.- [fast geschenkt] 

Stagård, Riesling Urban R, 2015
Stagård, Riesling Urban R, 2015

Kommentar: Urban Stagård ist ein cooler Typ. Ein – wie es bisher aus der Breitbanddistanz scheint – moderner Winzer, der es versteht seine Kunden, Fans und

Händler stets witzig und doch kompetent über Social Media zu unterhalten. Seine Videos aus dem Fasskeller, Weinberg oder irgendwo [freestyle baby!] haben – zumidest für mich – Kultstatus erreicht. Aber wem erzähle ich das wohl...

 

Leider war es mir bisher nicht vergönnt auch nur einen seiner Weine zu verkosten. In der Schweiz laufen die einem bei den hiesigen Veranstaltungen irgendwie nie über den Weg respektive Gaumen. So musste es also sein, dass dieser eine Tropfen mich mitten im südösterreichischen Meran hm..hm.. norditalienischen Merano bei einem Weinhändler quasi ansprang.

 

Endlich zu Hause angekommen, musste der «Urban R 2015» zu einem leichten Frühlingsmenü bereits das Zeitliche segnen. Nicht weil Alternativen fehlen würden. Ich war einfach G E I L auf den Tropfen. Oder so. Ganz allgemein ist dieser Wein eine schöne Interpretation der Traubensorte Riesling. Er besitzt von Anfang an eine zupackende Frische. Zitrone, Grapefruit

und ein wenig Kreide buhlen um die nasale Gunst.

 

Die gewohnte kernige Rieslingmineralität ist bei diesem Basiswein am Gaumen nicht ausgeprägt. Doch das bereits schon in der Nase festgestellte schöne Spiel zwischen Süsse und Säure setzt sich fort. Es verleiht dem «Knacker» – weil er irgendwie knistert – eine bestimmte Leichtigkeit sowie Frische. Alles ist global im Lot. Irgendwie herrscht mondäne Ausgeglichenheit. Internationalität in Urbanität quasi.



«BURGUND UND DAS LOCH DER ERKENNTNIS»

Michel Gros, Nuits Saint Georges, 2005

 

Weinbewertung: 14. Januar 2017

Herkunft: Frankreich, Burgund

 

N: Eingekochte Erdbeeren, Tannennadeln, Süssholz

G: Tabak, perfektes Tannin, schöne frische

Säure

WF: 8.5 [erweckend und sehr gut]

 

Bezugsquelle: Direkt ab Weingut

Preis: Weiss der Geier

Kommentar: Das Wein-Januarloch musste die letzten Jahre immer wieder gestopft oder besser gesagt zugeschüttet werden.  Am effizientesten halfen da ehrliche und gradlinige Retter und vor allen Trauben-

sorten: Pinot Noir, Nebbiolo oder Narello Mascalese. Die letzteren beiden brachten dieses Jahr keine Linderung. So muss also DER wahre König aller Traubensorten ran. Wenn nichts mehr geht, muss Pinot eingreifen. Quasi die Chuck-Norris-Traube unter den Kulturpflanzen im Januar: The last resort. The final hope!

 

Der Nuits Saint Grorges von Michel Gros ist einer der Basisweine eines Sprosses dieser weitverzweigten Burgunderfamilie. Das Weingut liegt mitten in Vosne Romanée und unmittelbar neben der Weinmanufaktur der lieben «Cousine» Anne Gros [Anne je t’aime!].

 

Der Tropfen wurde direkt auf dem Weingut erstanden und durfte nun über ein Jahrzehnt schlummern. Das hat ihm sicherlich gut getan. Er weist keinerlei Ermüdungserscheinungen auf und ist tatsächlich der erhoffte «Balancer». Er führt den Geniesser auf den Pfad der Erkenntnis zurück. In der Nase schönes Bukett aus Frucht und Reife. Typische Burgunderwürze. Eingekochte Erdbeeren und verschiedene edle Hölzer. Am Gaumen fährt der Tropfen mit Zigarre und Kohle sowie etwas Milchschokolade und Rahm irgendwie vierspurig. Das Tannin ist verschweisst und hat keinerlei Nähte. Alles ist blank poliert. Die Säure ist präsent und gibt ihm die nötige Frische sowie Zug.

 

Der Wein hat etwas von einer glatten Billardkugel. Eine die gerade in die Tasche fällt. Ins Loch der Erkenntnis: Januar Du bist besiegt. Es kann wieder weiter gehen. Toskana Premium am Montag ist gerettet. Die Weinlust ist wieder voll da. Burgund forever!



«VON DEN GESTADEN DES ZÜRICHSEES»

Erich Meier, Chardonnay Barrique, 2015

 

Weinbewertung: 1. April 2017

Herkunft: Schweiz, Zürich

 

N: Aprikosen, weisse Blüten, reife Birnen, Karamell

G: Dichte, knackige Säure, feiner Bitterton, Kalk, Pink Grapefruit

WF: 8.0 [gut bis sehr gut]

 

Bezugsquelle: direkt ab Weingut oder Brancaia

Preis: CHF ~28.-

Kommentar: Erich Meier ist über die Landesgrenzen hinaus wohl eher nicht bekannt. Der Grund dafür liegt ganz sicher darin, dass ihm in über 90% der Fälle die produzierten Preziosen von Privatkunden direkt ab Weingut regelrecht aus den Händen gerissen werden. Der Rest findet seinen Weg in die nahe Gastronomie der Zürichseeregion. Man kann ihn getrost und ohne zu übertreiben zu den besten Winzern des Kantons Zürich wenn nicht sogar der ganzen Deutschschweiz zählen. Dies natürlich inklusive Graubünden. Warum?

Nun, Erich ist ein Maniac. Ein Verrückter. Vielleicht sogar ein Getriebener. Mit schier wahnsinniger Passion überlässt er nichts dem Zufall. Sogar in meteorologisch eher suboptimalen Jahren schafft er durch unermüdliche Arbeit im Rebberg sowie sein Vertrauen und die Ruhe im Keller gute Resultate. Beim Besuch auf dem Weingut erinnerte die Ordnung, Sauberkeit und akkurate Ausrichtung aller Maschinen und Geräte den einen oder anderen unter uns an unser gute alte Militärzeit. Entsprechend standen wir zu fünft beinahe automatisch bei der Barriqueverkostung in Reihe und Glied.

 

Heute im Glas ein Jahrgang der von Winzern, Weinliebhabern und Journalisten grandios in den Himmel gelobt wurde. Erich's Chardonnay 2015 steht ziemlich breit im Glas. Viel Karamell, reife Birnen und süsse Weinbergaprikosen dominieren die ersten Naseneindrücke. Doch auch weisse Blüten und ein wenig Crema Catalana ziehen gemächlich vorbei. Würde man den Wein blind verkosten, hätte man wohl keine Chance ihn irgendwo an die Gestaden des Zürichsees zu verorten.

 

Das ausgesprochen warme Jahr hat sicherlich dazu beigetragen, dass dieser Chardonnay so wuchtig und vollschlank daherkommt. Am Gaumen fällt zuerst die Dichte ins Gewicht. Danach weist zum Glück eine ausgesprochen knackige Säure die anfängliche Wucht etwas in die Schranken. Im langen Abgang entfaltet sich mit Pink Grapefruit auch eine leichte Bitterkeit.

 

Dieser Wein verdient es wohl noch etwas länger im Keller vergessen zu werden. Man ist sich nicht ganz sicher, ob das leichte Ungleichgewicht tatsächlich irgenwann mal verschwinden wird. Ein paar Jahre Kellerruhe dürften ihm auf jeden Fall gut tun.



«NIMM WAS GUTES – B’COS IT’S GEIL»

Cos d'Estournel, Saint Estèphe, 2004

 

Weinbewertung: 24. März 2017

Herkunft: Frankreich, Bordeaux [St. Estèphe]

 

N: Tabak, Schokolade, Burbon-Vanille, Rosmarin

G: Geniale Tannine, Softness & Power, edle Hölzer

WF: 10.0/10.0 [göttliche Gesänge]

 

Bezugsquelle: Gute Weinhändler

Preis: CHF > 120.- | € 100.-

Das andere Trio...
Das andere Trio...

Kommentar: Der Plan war einen der drei kuratierten [ein neu gelerntes Trendwort des gehobenen Retails - I like!!!] Tropfen links auf dem Bild zu nehmen. Als erster kam der «Charme» von Niepoort in Frage. Wohl der beeindruckendste und spannendste trockene Rotwein in seinem Stall. Der Jahrgang 2007 schien genug reif zu sein. Was er bietet: Nichts weniger als feine burgundische Ruhe und Sanftheit aus Portugal. Selten habe ich etwas gleichwertig Dramatisches vom westlichen Ende Europas getrunken. Die zweite Wahl fiel auf den «Kermesse» von Elena Walch. Den Jehrgang 2005 haben wir 2009 vor Ort gekauft und seither ein paar Mal genossen. Immer wieder hatte ich dabei Assoziationen an Bordeaux. Als dritte Wahl kam der «Valpolicella» von Romano dal Forno in Frage. Dieser unheimlich vollschlanke und doch aristokratische Tropfen. Der kleine Wein eines Meisters, der besser schmeckt als der Meisterwein vieler die sich auf gleicher Stufe mit dem Veneto-Könner wähnen. Eine schöne Triologie. Doch es sollte anders kommen...

 

«Nimm was richtig Gutes meinten ein paar geschätzte Weinkenner». Nicht, dass sie wirklich Recht hatten. Jeder des Trios hätte die Erwartungen an einen tollen Essensbegleiter vollumfänglich erfüllt. Andererseits hatten die lieben Nervensägen auch Recht! Sie stellten nämlich [intrinsisch] eine der wichtigsten Fragen mit denen sich Weinliebhaber rumschlagen: Wann ist es Zeit für die Kellerfavoriten [nein...keine «KPK» 😉]?

Die Antwort ist stets gleich: HEUTE!!! Mache den heutigen Tag zu einem perfekten Moment Deines Lebens. Mit Hilfe Deiner besten Weine. So fiel die Wahl auf den seit nun über 12 Jahren schlummernden Cos d'Estournel 2004.

 

Der Wein entstammt keinem dieser angeblichen Jahrhundertbomber [2000, 2001, 2009, 2010, 2015 und vermutlich alle Jahre danach...]. Nein. Der 2004er war ein «klassisches» Jahr. Ein Jahrgang der reifen kann und der nach der für Bordeaux geltenden obligaten Wartefaustregel von einer Dekade nun unheimlich

Cos d'Estournel, 2004
Cos d'Estournel, 2004

rassig, würzig, druckvoll und mit schönem Volumen aufwartet. Dabei jedoch trotz allem gefühlvoll, balanciert und voll von grosser Tiefe ist.

 

In der Nase ist es ein wunderschöner [leicht feuchter] Tabakton der zuerst anspricht. Dunkle Schokoladensplitter und etwas mehr als eine Briese Bourbon-Vanille. Er ist nun ein reifer Teenager und nicht weit weg vom Erwachsenenalter. Viele teilweise auch exotische und heimische Kräuter machen sich bemerkbar. Besonders Rosmarin sticht hervor. Doch auch Lakritze oder wie wir sagen «Bärendreck» verleihen ihm wahrlich Grösse. Am Gaumen ist es Sanftheit, Geschmeidigkeit und das in Balance stehende «Mobile», welches auf der einen Seite «Power» und auf der anderen «Softness» wiegt. Das Tannin ist wunderschön weich, gebürstet und korrespondiert wahnsinnig harmonisch mit der schönen Säure. Am tiefen Gaumen ist es Frische und eine gute Prise Eukalyptus sowie anderes edles Gehölz, die seine Adoleszenz nochmals unterstreichen.

 

Der Abgang hallt minutenlang nach und will nicht verklingen. Ein selten langes Echo des Genusses. Ein Moment der Ewigkeit. Das ist für mich das wahre, grosse und klassische Bordeaux. Klar hält der er noch Jahre und mehr. Doch jetzt ist er in der wundervollen und kraftvollen Wende vom Teenager zur Reife. Cos d'Estournel 2004: Heute einfach göttlich...



«AUS RUBENS WURDE NÄGGELI»

Elio Grasso, Vigna Martina, 2013

 

Weinverkostung: 21. März 2017

Herkunft: Italien, Piemont

 

N: Jugendliche Frucht, «very berry», Stahl/Eisen

G: Schöne Säure, Kirschfrucht, Himbeeren, Kohle

WF: 8.0/10.0 [gut bis sehr gut]

 

Preis: CHF ~30.- | € ~24.-

Bezugsquelle: Schubi Weine CH | Lobenbergs DE

Elio Grasso, Vigna Martina, 2013
Elio Grasso, Vigna Martina, 2013

Kommentar: Der Vigna Martina war für mich bisher ein Vertreter der «rassigen» Barbera-Fraktion. Eher cremig, samtig, dicht, vollmundig und vor [dosierter] Kraft nur so strotzend. Zudem wies er immer eine – im vernünftigen Mass – schöne und geschmeidige Holznote auf. Damit scheint nun Schluss zu sein.

 

Das wunderschöne Weingut, das nur einen Steinwurf ausserhalb von Monforte liegt, erzeugt seit nun ein paar Jahrzehnten Barolis und einen Barbera, die – subjektiv gesehen – zu den besten des Landstrichs gehören. Man könnte beim Gründer fast sagen: «Aus Gordon Gecco wurde zum Glück ein Weinbauer!» Denn es hätte gut sein können, dass er seine Laufbahn aIs Investment Banker fortsetzt. Zum Glück entschied sich Grasso anders. Seine Weine würden mir fehlen. Ganz sicher die

jahrein und jahraus überzeugenden Baroli Riserva Rüncot, Gavarini Chiniera sowie Casa Maté. Doch auch den Lagen-Barbera «Vigna Martina» will man nicht missen. Trotz der Tatsache, dass er nun irgendwie anders geworden zu sein scheint.

 

In der Nase ist der «Vigna Martina 2013» sehr rotfruchtig und präzis. Da ist wenig von der bisherigen katholisch-barocken Opulenz im Stile eines Rubens-Gemälde zu spüren. Eher scheint nun reformiert-zwinglianische Schmalbrüstigkeit zu herrschen. Als ob Harald Oskar Nägeli zur Spraydose gegriffen hätte: Punkt, Punkt, Komma, Strich, ja das Strichmännchen zeichne ich! Der Jahrgang 2013 trinkt sich so, als ob er komplett im Stahltank ausgebaut worden sei. Himbeeren, Johannisbeeren und Eisen/Stahl buhlen um die Vorherrschaft. Am Gaumen ist es Präzision und Schlankheit die wiederum überraschen. Sehr schöne Säure paart sich mit eindeutiger Kirschfrucht, nochmal Himbeeren und einer Spur Kohle schliessen ab. Der Abgang ist so gradlinig, dass man meinen könnte Gollum oder eine Kandidatin von Germanys Next Top Model laufe gerade an einem vorbei. Hätte ich nichts gewusst und den Tropfen blind verkostet, hätte ich auf einen hochwertigen Dolcetto getippt. So abwegig dies auch klingen mag.

 

Trotz all dem Gesagten soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass die eine oder andere Variante des «Vigna Martina» besser ist. Es sind schlicht für mich zwei komplett andere Stile eines Weins die man hier vorfindet. Eine kurze Nachfrage auf dem Weingut wurde umgehend beantwortet. Die charmante Marina Grasso formulierte es wie folgt: «What I can say, is that the vintage has more structure and so the oak elements have intergrated earlier. We have not changed the winemaking style for our Barbera. However, here you have a perfect example of vintage variation». Finde ich nicht. Aber, sei's drum!

 

Alles gut. Egal wie, es bleibt ein schöner Barbera. Nun mit einer knochig-knackigen Seele und definitiv anders als vorher.



«TAM TAM, TAM TAM…MARMOR, STEIN UND EISEN...»

Tam, Batzella, 2010 [Gastbeitrag IB]

 

Weinbewertung: 16. März 2017

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Backpflaume, Schokolade, Kräuter und Macchia

G: Dicht, aromatisch, feine Süsse, Seidigkeit

WF: 9.0/10.0 [ausgezeichnet!]

 

Preis: CHF ~45.- | € unbekannt

Bezugsquelle: Riegger CH | DE unbekannt

TAM, Batzella, 2010
TAM, Batzella, 2010

Kommentar: Einer aus 40! So viele Weingüter gibt es nämlich, laut der Winzerin, in Bolgheri. Nicht alle tragen grosse Namen wie «Sassicaia», «Ornellaia» oder «Grattamacco». Die wenigsten sind aber gänzlich unbekannt. Einer dieser weniger geläufigen Produzenten ist das Weingut «Batzella».

 

Das ist, laut dem – etwas aus dem Rahmen fallenden – Besitzerpaar, nicht der Qualität geschuldet, sondern dem Marketing.

Die Grossen, sagen sie ganz energisch, würden Unsummen in Werbung und Vermarktung stecken. So etwas wollen sie aber nicht. Die Weine die sie zusammen komponieren, seien «una questione che sta a cuore». Aha, eine Herzensangelegenheit also. Das Winzerpaar will der Welt, Weine mit Leidenschaft und Seele bieten. Dieser Überzeugung geschuldet, gaben sie ihrem «Vino Grande» den wohlklingenden Namen: «Tam». Das ist vietnamesisch und bedeutet «Herz» oder «Passion». Kein Marketing also, dann aber doch «Tamtam» irgendwie.

 

Dass das Paar wirklich passioniert ist, widerspiegelt sich dann vollumfänglich im Glas. Man entnimmt dem Wein wundervolle Noten nach Kräutern, feinste Frucht und geniale Würze. Toskanische Wärme breitet sich in der Nase aus. Backpflaume, Schokolade, Brombeere, mediterrane Kräuter und Macchia geben dem Wein die typischen Aromen. Zur guten Balance tragen frische Zwetschgen sowie – man will es fast nicht glauben – Himm- und Erdbeeren bei. Auf eine feine, kultivierte Art und Weise vereint der Wein Kraft und Eleganz.

 

Am Gaumen zeigt sich der Tropfen dicht und aromatisch, zugleich überraschend delikat und ausgesprochen leichtfüssig. Der Tanninmantel ist engmaschig, beschlagend und «feinherb». Als Gesamtkonzept bewegt sich der «Tam» auf samtenen Pfoten und überzeugt trotzdem mit einer tollen Frucht. Er ist traumhaft seidig, saftig und verführt mit einer feinen zartbitteren Note bis zum Schluss.

 

Wer vermisst hier noch die grossen Namen? Der «Tam» hat bald selber einen.

 

Danke IB für diesen Gastbeitrag!



«NICHT MIT DER AXT...ABER DEM SKALPELL»

Spätburgunder Bissersheim, Wageck, 2014

 

Weinbewertung: 8. März 2017

Herkunft: Deutschland, Pfalz

 

N: Rote Beeren, Waldfrüchte, feiner Rauchton

G: Spürbare Säure, angenehmes Tannin, feine Schärfe, Tabak

WF: 8.0/10.0 [gut]

 

Preis: CHF 22.- | € 16.90

Bezugsquelle: Peter Kuhn CH | Direkt ab Weingut DE

Spätburgunder Bissersheim, Wageck, 2014
Spätburgunder Bissersheim, Wageck, 2014

Kommentar: Von Wageck ist ein sympathisches Familienweingut, wie es in der Pfalz oft vorkommt. Thomas hat nun das Zepter übernommen und versucht schrittweise dem Betrieb seinen Stempel aufzudrücken. Dies nicht im Sinne einer Neuordnung, die mittels einer Axt vor sich geht. Es handelt sich dabei eher um einen sanften, evolutionären aber doch bestimmten und mit dem Skalpell geführten Prozess. Der Auftritt wird professionalisiert, die Traubensorten ausgedünnt und das Sortiment 

fokussiert. In der Ökonomie würde man sagen: «Das Unternehmen wird fit getrimmt»! Passt irgendwie.

 

Das bisherige Sortiment umfasste sehr viele verschiedene Positionen und Traubensorten, welche nach Auskunft des neuen Hausherrn nun nicht mehr ins Portfolio passen. Thomas’ Passion ist es, Weine zu produzieren, die das Maximum seiner geliebten Pfalz ausdrücken. Dabei soll jedoch nicht über das Ziel hinausgeschossen werden. Die Stilistik muss fein sein und sich an grossen Vorbildern wie dem Burgund orientieren. In Summe: Schöne Worte, stimmige Passion und ambitiöse Ziele. Wir sind gespannt auf die weitere Metamorphose.

 

Heute im Glas der Spätburgunder 2014 Bissersheim. Eine schöne und – für Pinot Noir – relativ dunkle Farbe weist der Tropfen aktuell auf. In der Nase finden sich hauptsächlich rote und dominante Beeren. Es folgt ein Hauch von cremigem Waldfruchtjoghurt und ein relativ spitzer Rauchton. Dieser verfliegt dann zum Glück bald in der Nase. Am Gaumen setz er sich jedoch weiter fort.

 

Wie bei manchen Spätburgundern aus dem Schweizer Bündnerland ist es schwierig zu sagen, woher diese Rauchigkeit kommt. Sie erinnert an einen erkalteten Alphüttenkamin. Ist es der Boden der ihm diese Note verleiht? Oder, ist es allenfalls doch das Barrique? Am Gaumen ist die Säure gut spürbar. Diese verleiht ihm im Abgang einen Schuss «Schärfe». Dazu gesellen sich noch fleischige Aromen und ein wenig Tabak. Das Tannin ist trotz des jungen Alters ausgewogen.

 

Fazit: Guter Genuss für relativ wenig Scheine.



«OH PLEASE, OH SISTA, OH BOY, OH MAN, OH GOD…»

Villa Civiciana, Eleonora, 2012

 

Weinbewertung: 27. Februar 2017

Herkunft: Italien, Lazio

 

N: Cremig rot, Pflaume, Rosmarin
G: Vulkanische
Frische,  Hagenbutten, schlank

WF: 8.5 [sehr gut mit Ausrufezeichen!]


Preis: CHF 18.50 | € ~14.-

Bezugsquelle: Baur au Lac Vins | Villa Civiciana DE

Villa Civiciana, Eleonora, 2012
Villa Civiciana, Eleonora, 2012

Kommentar: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Und was gilt bei zwei Stuten? Die lässt man am besten im Mund kreisen und den Gaumen entzücken...oder so... Die önologischen Schwestern «Eleonora» und «Faustina» [letztere heute noch nicht auf dem Bild!] waren uns bisher noch nie untergekommen. Ihr Haus, also das Weingut, liegt in der Region Lazio in Mittelitalien. Man möge uns hier die geografische Grosszügigkeit nicht kleingeistig übelnehmen. Oh, please...

«Eleonora» ist die kleinere der beiden Schwestern. Sangiovese und Merlot werden hier vermählt. Die Erwartungen an die Schönheit waren sehr überschaubar. Unmittelbar nach dem Öffnen musste ich mich jedoch rasch neu kalibrieren. Als [bekennender] Zapfenschnupperer war ich grad ziemlich baff von der Aromatik, die sich an die ehemalige Haut der Korkeiche aus Südportugal geheftet hatte. Was auf dieser Ebene vielfach bei jungem Gemüse zwischen holzig und beerig schwankt, war hier schon mal ein richtiges Bukett. Oh, sista...

 

In der Nase hat «Eleonora» eine Art ernsthaft-beerig-mineralische Note. Ein wenig unnahbar. Die Kühle, die in Richtung Schiefer und Teer geht, kommt wohl vom Sangiovese. Die cremige Noblesse liefert vermutlich der Merlot. Es ist erstaunlich, wie viel Prinzessin nach dem ersten Entblättern von «Eleonora» vor einem liegt. Am Gaumen setzt sie weitere    Reize erfolgreich frei. Ach was, sie kippt noch eine weitere Schippe unwiderstehlichen Genusses oben drauf. Doch Obacht: Die Verbindung zwischen ihren feinen Zügen [Präzision] und weiblichen Kurven [Geschmeidigkeit] ist erstaunlich. Nichts ist burschikos, fett oder opulent. Wohlproportionierte Filigranität, welche immer nur im Ansatz Kraft ausstrahlt, aber nie die Überhand gewinnt. Ihr Abgang ist erfüllt von getrockneten Rosenblättern und Hagenbuttenaromen. Oh, boy...

 

«Eleonora» ist ein Girl vom Lande. Ausgefüllt mit äusserlicher Natürlichkeit sowie innerer Ruhe und Zufriedenheit. Dass sie biologisch hergestellt und auch vegan ist, mag man [wie ich] als unbedeutend abtun. Doch irgendwie passt es extrem gut zu ihr. Oh, man...

 

«Faustina», die [vom Hörensagen] noblere Schwester, kommt dann bald als nächste dran. Sie hat es offenbar faustdick hinter den Ohren. Dazu fällt mir spontan eine kleine Geschichte ein. Aber die lassen wir schön stecken. Oh, god…



«PFERD? SATTEL? STALL? MIT VERLAUB...NUR REINER STERNENSTAUB»

Castellare, Il Poggiale, Chianti Classico Riserva, 2013 | Herkunft: Italien, Toskana

La Rioja Alta, Gran Reserva 904, 2004 | Herkunft: Spanien, Rioja

 

Duo infernale: Dies ist schlicht ein wunderschönes Duo. Ein Duett, das zusammen tanzt. Auch wenn man sie nicht wirklich miteinander vergleichen kann und sollte, gehen sie sehr gut zusammen. Trotz der offensichtlichen Unterschiede gibt es eine Gemeinsamkeit, die sie zur perfekten Paarung macht und Freude aufkommen lässt: Es ist die schiere «Leichtigkeit des Seins» und Eleganz, die in diesen beiden Weinen zu ruhen scheint. Sie vereinen pure Frische, Finesse und Schlichtheit, nach welcher der erprobte oder teilweise abgelöschte Weinliebhaber ab und zu sucht. Das Paar ist wie eine glasklare Wasserquelle mitten in der Atacama-Wüste. Sie sind die Weine, für die es sich lohnt weit zu reisen und lange zu verkosten. Sie sind wie ein rieselnder Teppich aus Sternenstaub…

Kommentar: Castellare di Castellina ist kein gewöhnliches Weingut. Dort scheint sich die Welt langsamer, bedächtiger und vollkommener zu drehen als bei anderen Weinproduzenten in der Region. Kein Stress, viel Natur und wahres Bauerntum erfüllen den Hof. Die Weine die wir vor Ort verkosten durften, waren durch und durch leicht, filigran und in ihrer Kategorie fast schon schwebend. Dies war und ist aktuell beim «Il Poggiale Riserva» nicht anders. Das Nasenbild ist sehr schlank und präzis. In der ersten Reihe Sauerkirschen und von der Sonne erwärmte Zwetschgen die noch am Baum hängen [riecht mal daran!]. Im Hintergrund ein Spur Teer, warmer Graphit und Schwarztee. Am Gaumen Himbeeren, Mokka und frische Feigen. Der Abgang ist ausgeprägt «teeig» und langanhaltend. Das Tannin ist allgemein geglättet und eher zurückhaltend. Ein ausserordentlich strammer, leichtfüssiger und toller Tropfen, der jetzt schon viel Spass macht, jedoch in ein paar Jahren wohl noch einen Genusszacken zulegen wird.

 

WF: 9.0 [stark, stark, stark – weil so fein!]

Preis: CHF ~34.- | € ~25.-

Bezugsquelle: Caratello CH | Lieblings-Weinladen DE

Kommentar: Es gibt Weine von deren Existenz man schon seit Jahren – wenn nicht sogar Jahrzehnten weiss. Doch irgendwie kam es nie  zu einem Gaumen-Clash. Es mag möglicherweise am Anhängsel «Rioja» gelegen haben. Irgendwann ist jedoch die positive «Publicity» so erschlagend, dass die Aufnahme des Tropfens auf die persönliche Shortlist purer Ignoranz gleichkäme. Bevor der Kauf über die Bühne gehen konnte, kam der Wein – bei einem Besuch – quasi durch die Vordertür ins Haus. Nice. In der Nase ist dieser 13 Jahre alter «904» noch ausserordentlich «jung». Pfefferminz, Eukalyptus, Zedernholz und kühle Frische hüllen und erfüllen die Nase. Ist das Rioja? Verdammt! Wo bleiben der Stall, das Pferd und Don Quijote? Nix, aber auch gar nix ist davon zu erspähen. Am Gaumen fällt zuerst die extreme Würzigkeit ins Gewicht. Sie ist leicht und tänzelnd. Pfefferminztee, eine feine Kellernote und balsamisch-belebende Frische kicken den Gaumen. Die Länge im Nachhall ist enorm. Ein purer Genuss. Kann noch warten.

 

WF: 9.0+ [fein, fein, fein – weil so stark!]

Preis: CHF ~45.- | € ~33.-

Bezugsquelle: Gran Reserva CH | Silkes Weinkeller DE



 «KICK MIT DEM KNIE»

Chappaz, Grain Pinot, Les Dahrres, 2015

 

Verkostungsnotiz: 5. Februar 2017

Herkunft: Schweiz, Wallis

 

N: Erdbeeren, weisser Pfeffer, Kräuter

G: Cassis, Rosen, Veilchen, Himbeerstaude

WF: 8.5+ [sehr gut...mit Ausblick aufs Oberwallis]

 

Bezugsquelle Schweiz: Weinhandlung am Küferweg | Preis: CHF 38.-

 

Deutschland: Lobenberg Gute Weine | Preis unbekannt

Chappaz, Grain Pinot, Les Dahrres, 2015
Chappaz, Grain Pinot, Les Dahrres, 2015

Kommentar: Marie-Thérèse Chappaz und Pinot Noir. Die Schweiz und Fondue. Wer hat's erfunden? Die Schweizer? Fast! Die Winzerin ist eine Schweizerin oder besser bzw. präziser und aussagekräftiger gesagt: Walliserin! Der Pinot Noir und das Fondue sind keine wirklichen Eidgenossen. Die Schweiz, ein Blauburgunderland, hat den Pinot Noir umerzogen, buchstäblich adopt- und adaptiert, dass man doch glatt meinen könnte: «Isch im Fall en Schwiizer!».

So wie es Marie-Thérèse jahrein, jahraus gelingt die Traube auf die Flasche zu ziehen, könnte man meinen, dass sich zumindest ein [kleiner] Teil der langen Evolutionsgeschichte des Pinot Noir irgendwie in der Eidgenossenschaft abgespielt haben müsste. Nope!

 

Der erste Eindruck dieses önologischen Monolithen ist passenderweise mit einem Walliser Berg vergleichbar: Unnahbar, abweisend und schroff. Bei Wein ist es zum Glück nicht wie in der romantischen Vorstellung von Liebe: Es gibt auch einen zweiten Eindruck. An der Luft beginnt der Tropfen sich mit der Zeit zu öffnen. Zuerst duftet er wundervoll und zärtlich nach Erdbeeren, weissem Pfeffer und Kräutern. Er ist etwas wonnig, fleischig und weich geraten. Doch dies gilt nur für kurze Zeit. Die Flirtphase quasi. Nach der ersten gemeinsamen Stunde hat «die Blume» sich weiter geöffnet. Klassische Aromen des Wallis dirigieren den Geniesser durch den Lötschberg und entlang des «vallée du Rhône». Grosse Burgunder sind in der Ferne zu erahnen...

 

Aus der anfänglich schüchterner Schönheit ist mittlerweile eine selbstbewusste und -bestimmte Madame geworden. Jetzt zeigt sie ihre Stärken! Knackige Frische gepaart mit einer intensiv-duftender Frucht. Erdbeeren [ein wenig laktisch], knackiges Cassis und Kräuter dominieren die erste Ebene. Im Nachgang Himbeerstauden, die etwas Balsamisches nach sich ziehen. Zarter Rosen- und Veilchenaromen sorgen für Eleganz und zufriedenes Lächeln im Gesicht. Sehr fein dosierte Gewürznoten verleihen dem Wein eine Spur «Magie». Eleganz und Erhabenheit sind weitere Substitute für diesen Wein. Fein und präzis ist er. Doch auch berauschend und fesselnd.

 

Was Marie-Thérèse besonders gut beherrscht, ist die Zähmung der Tannine. Die sind unheimlich fein, dicht und doch bestens integriert. Zusammen mit der durchaus präsenten und lebendigen Säure, bieten sie einen ultimativ schönen Gesamteindruck. Der Wein ist ein Kick mit dem «Coude du Rhône». Selten war Boxen schöner.

 

Gastbeitrag: IB - Danke für die Philosophie!



«ONKEL GEREMIA, DER UNSTERBLICHE»

Geremia, Rocca di Montegrossi, 2012

 

Verkostungsnotiz: 9. Januar 2016

Herkunft: Italien, Toskana

 

N: Rote Früchte, Gewürze, Lavendel, süsse Mitte

G: Respektable Säure, viel Tannin, lebendig

WF: 8.5 [gut bis sehr gut – normalerweise noch besser]

 

Bezugsquelle: Studer Vinothek CH | Jacopini DE

Preis: CHF 35.50 | € 29.-

Geremia, Rocca di Montegrossi, 2012
Geremia, Rocca di Montegrossi, 2012

Kommentar: Das Weingut gehört Marco Ricasoli. Als Spross der weit verzweigten  und seit Jahrhunderten im Weinbusiness tätigen Familie versteht es Marco, sich mit seiner Perle von einer Weinmanufaktur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er fertigt wahrlich wertvolle, geschliffene und klare Weindiamanten. Die Gesamtproduktion beträgt gerade mal 100'000 Flaschen. Fünf Weine insgesamt: Rosé, Chianti Classico, Gran Selezione San Marcellino, Geremia und ein Vin Santo. Der Süsswein gehört zu den Besten Italiens. Die Weinberge stehen in leichter Hanglage mit Blick auf Castello di Brolio und die umliegenden Hügelzüge. Ein Traum.

Der Geremia 2012 ist kein einfacher Genuss. Es gibt Jahrgänge die einem richtiggehend ins Gesicht springen. Die kann man auch nicht mehr aus dem Gedächtnis tilgen. Zum Beispiel 2001. Unheimliche Tiefe, Struktur und ein unendliches Netz von dichten Aromen. Er ist wie Cher: Er will nicht altern. Er scheint für die Ewigkeit gemacht. Der Jahrgang 2012 ist – frisch geöffnet – schön würzig. In der Nase zuerst unüblich viel Lavendel, rotes Steinobst und eine süsse Mitte. Nach einer Stunde sind es bekannte Aromen nach Lakritz, Grafit und dunklen Beeren. Weitere zwei volle Gongschläge später ist er nun komplett offen und zeigt im Riechorgan grosse Vielschichtigkeit.

 

Am Gaumen zu Beginn mit respektabler und frischer Säure die ihn lebendig und ungestüm wirken lässt. Wie ein wilder Hengst schlägt er um sich. Das Tannin ist dazu äusserst präsent. In Kombination mit der frischen Säure «knackt» der Familienritter der Ricasolis im Mund. Bei zwei späteren Versuchen während des Abends wurde er am Gaumen etwas zugänglicher. Aber er blieb nichtsdestotrotz ein wilder Mustang. Der Abgang ist dunkel, langanhaltend und etwas wärmend [Alkohol?].

 

Der Geremia ist einer der Favoritenweine [Italien und Toskana] des Schreibenden. Leider konnte der Jahrgang 2012 zum Verkostungszeitpunkt nicht gänzlich überzeugen. Die positive Analyse wäre die, dass er schlicht zu jung war. Dies wäre jedoch zu einfach. Andere Jahrgänge waren bereits in der Jugend umwerfend. Die objektive Analyse wäre die, dass wohl die heisse Witterung und vielleicht Wasserstress dem Merlot nicht so gut taten. Hmmm...time will tell.

 

Der Wein wird am kommenden Montag, 16. Januar wieder zu verkosten sein. Dann wird es eine breitere Meinung und viel dazu zu reden geben… Geremia 2012 wird Teil der Verkostung «Toskana Premium» sein.



«EIN WUNDER AUS GALIZIEN»

As Caborcas 2012 - Valdeorras

 

Weinverkostung: 6. Januar 2017

Herkunft: Spanien, Galizien

 

N: Rotes Fleisch, Eisen, Kräuter, Blutorangen

G: Vollmundig, herrliche Säure, geschlossenes Tannin

WF: 9.5/10.0 [schlicht ein WUNDERbarer Wein]

 

Bezugsquelle: Küferweg-Seon CH | Vinobility DE

Preis: CHF ~45.- | € ~35.-

As Caborcas 2012 – Valdeorras
As Caborcas 2012 – Valdeorras

Kommentar: Ein Tropfen, der so gar nicht zum aktuellen Bild der spanischen Weinszene passen will. Dunkel, weich, mollig, vollmundig, mächtig und exotisch? Nein, das sucht man hier vergebens. Es ist nicht so, dass alle spanischen Weine nur einem Prototyp entsprechen würden. Doch der Grossteil der Tropfen gab in den letzten 15-20 Jahren genau ein solches Bild von sich ab. Viele Konsumenten mögen das. Doch Geniessern verging schnell der Spass an solchen Boliden. Denn irgendwann vermisst man zwangsläufig Subtilität von der iberischen Halbinsel.

 

Seit ein Paar Jahren gibt es im Nordwesten Spaniens berechtigten Grund zur Hoffnung. Die fast vergessene

Region blüht nun richtiggehend wieder auf. Manch ein Winzer vollbringt dort wahre Wundertaten und erzeugt Weine im Weltklasseformat. Als erste fiel subjektiv Veronica Ortega mit ihren etwas kräftigeren, dunkleren und dennoch originellen Weinen auf. Dicht darauf folgt Envinate. Eine Gruppe junger Önologen auf der Suche nach alten Parzellen, die elegante, subtile und fast schon schwerelose Weine keltern. Raúl Perez und Dominio de Bibei sind im Zusammenhang mit dieser Innovationstruppe an Winzerinnen und Winzer ebenfalls zu erwähnen. Heute wird auf der imaginären «Must have» Weinliste ein neuer Name eingetragen: As Caborcas, vom Telmo Rodriguez.

 

Dieser Wein hat etwas Ursprüngliches. Er wirkt fast ein wenig archaisch, hat aber doch auch zeitgemässe Komponenten. Im jetzigen Stadium ist er betörend frisch, roh, irgendwie fleischig und zeigt Noten von Eisen und Granit. Dazu gesellt sich viel Kräuterigkeit, Mineralität und enorme Tiefe sowie pure Energie. Bei den Früchten ist man im rotbeerigen Bereich: Johannisbeeren, Cassis, Blutorange und Pink Grapefruit. Trotz der Aromenfülle bleibt er erstaunlich anmutig und elegant. Bei jedem Einatmen zeigt er eine andere Facette von sich und deutet auf seine Vielschichtigkeit hin. Wahrlich ein Genuss.

 

Am Gaumen dicht, fordernd und gleichzeitig perfekt abgestimmt. Die tolle und saftige Säure verleiht ihm die erwähnte Frische und harmoniert rund und weich mit seiner Vollmundigkeit. Trotzdem bleibt er immer elegant. Die Tannine sind perfekt verschweisst. Das Holz ist nicht wahrnehmbar. Ein ganz schön schmelziger Wein. In 10-15 Jahren wird sich der As Caborcas mit jedem klassischen, qualitativ hochstehendem Rioja aufnehmen können.

 

Telmo Rodriguez wird wohl mit dem As Caborcas die Geschichte dieser Region neu schreiben. An dieser Stelle wäre ein Vergleich zum Burgund fast obligatorisch. Aber, das lassen wir mal so stehen. Dieser Wein, obwohl französisch angehaucht, ist absolut eigenständig. Ein Individualist durch und durch. Eine wunderbare Erfahrung zum Beginn des Jahres.

 

Gastbeitrag: IB